
Als Kompositionsauftrag des SWR erklang zunächst "Mali Svitac, izmedu dva treptaja" für Orchester (2023) der 1984 geborenen serbischen Komponistin Milica Djordjevic. Es ist ein neues Werk aus der Serie "Glühwürmchen", das verschiedene Verläufe, Texturen und extreme Kontraste verfolgt. Tremolo- und Glissando-Passagen vereinigen sich zwischen zwei Polen. Zerbrechlich, explosiv, verborgen und unterdrückt entfalten sich die Klangflächen dieser dunklen Musik zuweilen voller Angst. Bei den gewaltigen Crescendo-Steigerungen meint man Panik-Attacken zu vernehmen. Das Erlebnis des Elementaren und Unheimlichen steht im Zentrum des Geschehens. Zuletzt gibt es eine gewaltige und packende dynamische Steigerung des gesamten Orchesters. Das SWR Symphonieorchester musizierte hier unter der Leitung von Brad Lubman mit viel vibrierender Emotion. Das Werk hinterließ den stärksten Eindruck dieses Abends. Man spürte, wie bewegend Milica Djordjevic die Balkankriege verarbeitet.
Das "Phonem zwischen zwei Wörtern" für Barockensemble und großes Orchester des 1983 geborenen türkischen Komponisten Turgut Ercetin spielt facettenreich mit verschiedenen Stimmungen, die das SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Brad Lubman nuanciert auslotete. Mehrdimensionale Prozesse mit kontrastreichen Klangfarben- und Harmonieräumen wechseln sich hier sehr differenziert ab. Es geht um die Johannes-Basilika in Ephesus aus dem 6. Jahrhundert und die Kirche der Heiligen Apostel in Konstantinopel. Das Werk ist für 443 Hz geschrieben worden und ist auf ein akustisches 3D-Modell hin komponiert. Vier auf neue Musik spezialisierte Solisten spielen erstmals Barockinstrumente. Das Ganze wird mit einem klassisch-romantisch besetzten Orchester kombiniert. Aus zwei Räumen geht eine klanglich-zeitliche Architektur hervor. Das Barockensemble ELISION mit Peter Veale (Barockoboe), Carl Rosman (Barockklarinette und Chalumeau), James Aylward (Barockfagott) und Alex Waite (Cembalo) findet hier filigrane und fast graziöse Töne, die sich kontrapunktisch vervielfältigen. Über das Design und die Bauweise von Instrumenten wird in subtiler Weise nachgedacht. Klang, Raum und Körperlichkeit sollen eine neue Dimension erfahren, geheimnisvolle Verbindungen zur Vergangenheit werden hergestellt. Irgendwie erscheint diese Musik zeitlos, Bleibendes und Ausgelöschtes ergänzen sich. Brad Lubman hielt dabei als Dirigent des SWR Symphonieorchesters alle Fäden zusammen. Es ist ein Kompositionsauftrag des SWR und des ELISION Ensembles.
Zum Abschluss folgte das komplexe "Don Quixote Concerto. Memories of a knight errant" for a pianist, his assistant and orchestra (2020/21). Christoph Grund (Klavier), Jochen Schorer (Assistent und Schlagzeug) sowie das SWR Symphonieorchester unter Brad Lubman spielten dieses Werk des 1971 in Paris geborenen Komponisten Franck Bedrossian mit Akribie und Emphase. Das Stück folgt frei dem berühmten Buch von Miguel de Cervantes und ist ein Kompositionsauftrag des SWR und der Philharmonie Luxembourg. Pfeifgeräusche und Stimmen wachsen ganz zusammen. Der Kampf mit den Windmühlen, die Streiche des Herzogs und der Herzogin oder die Höhle von Montesinos werden plötzlich in suggestiver Weise lebendig. Das Werk ist auch eine Persiflage und Verzerrung des heroischen Verhaltens. Der Pianist ist in impulsiver und explosiver Weise mit den Saiten beschäftigt. Sancho Panza erscheint als unbeholfener Assistent, der die kangliche Materie und expressive klangliche Dichte fördert und steuert.
Langer Schlussapplaus und "Bravo"-Rufe.