
Eine junge Frau wird von ihrem moralischen Gewissen und ihrer Integrität geleitet. Laut Hegel kommt hier die konflikthafte Sittlichkeit der Polis zum Ausdruck. Die Inszenierung von Mira Stadler präsentiert einen großen Rundtisch, auf dem zahlreiche Speisen wie bei einem Festmahl stehen. Auf den Tischen liegen aber auch Tote, die allmählich zum Leben erweckt werden. Das sind surreale Bilder von starker Wirkungskraft. Bühne und Kostüme von Jenny Schleif unterstreichen diese Intention. Auch die suggestive Musik von Nikolaj Efendi trägt bei dieser Koproduktion mit der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart zu diesen magischen Eindrücken bei. Bei Thomas Köck ist es allerdings nicht der Bruder, den Antigone betrauern und beerdigen möchte. Es sind vielmehr gestrandete, namenlose, tote Körper, die an die Küste Thebens gespült werden.
Da entstehen bei Mira Stadler unheimliche Bilder. Katharina Bogdanova Petrova als Antigone kann ihrer Rolle starke Glaubwürdigkeit verleihen: "Ein unmöglicher Frieden, wenns nur der möglichste ist, wer sind wir, dass wir nicht mehr um Tote trauern?" Der frisch gekrönte König Kreon entzieht sich ganz bewusst jeglicher Verantwortung für diese Toten. Richard Kipp mimt ihn glaubwürdig zwischen Unerschütterlichkeit und Furcht. Er verweigert ihnen vielmehr ein würdiges Begräbnis und lässt die Leichen in anonymen Säcken verschwinden. Er ist davon überzeugt, dass nur Einheimische bestattet werden dürfen. Die zukünftige Schwiegertochter Antigone will da nicht mitspielen. Sie widersetzt sich heftig seinen Vorschriften. Ihre eigenen moralischen Prinzipien sind ihr wichtiger, was Kreons Zorn hervorruft. Dies kommt in der Inszenierung sehr gut zum Vorschein. Aus Mitgefühl schleift sie die Toten hinter die Mauern der Stadt. In Theben verlangt sie ein würdiges Begräbnis dieser Toten.
Die Trauer über den toten Bruder erhält in Köcks Stück eine ganz neue und ungewöhnliche Komponente. Antigone betrauert all jene, die vergessen werden. Der Chor unterstützt diese Intention mit antiker Größe. Er skandiert schließlich: "Die Toten kommen wieder." Der verinnerlichte Charakter dieser Tragödie kommt mit glühender Intensität zum Vorschein. Der Chor wird zum Sprachrohr einer vergessenen Generation. Der Chor und Antigone werden zur Stimme der Stimmlosen. Die liebende Hingabe Antigones wird von Katharina Bogdanova Petrova leidenschaftlich verkörpert. In weiteren Rollen überzeugen Melina Petala als Ismene, Marie-Luise Kostopoulos als Botin, Arvid Maier als Haimon/Chorführer, Güzide Coker als Eurydike und Kristina Moiseieva als Teiresias.
Doch auch Antigones Furcht vor dem Tode wird plastisch verdeutlicht. Kreons Starrsinn tritt bei Richard Kipp grell zum Vorschein. Es wird jedoch auch in ergreifender Weise deutlich, dass der Mensch Herr der Natur ist. Zeitweise denkt man an Zombies, wenn die Toten hier wieder auferstehen. Zuletzt erfährt man, dass Antigone sich erhängt und Haimon an ihrer Leiche sich erdolchte. Auch Eurydike, Kreons Gemahlin, hat sich das Leben genommen. Kreon wird zuletzt von den auferstandenen Toten bedroht und stürzt schließlich in die Gruft.
Die Intensität und sprachliche Schönheit der Chorlieder des Sophokles kommen auch bei Thomas Köcks Neufassung zum Vorschein. Die dichterische Durchformung zeigt hier immer wieder neue Varianten. Die Schlusssätze klingen zuletzt wie eine rätselhafte Frage: "Wir doch wollen wir doch wollen wir doch nicht". Dann folgen als letzte rätselhafte Worte Ismenes: "Wollen wir..." Vielleicht ist dieser Schluss zu wenig konsequent und zerfließt im Nichts. Doch es gelingt der Regisseurin, den strukturellen Aufbau des Stücks plastisch offenzulegen. Sophokles' heroische Sprache wird bei Köck stark modernisiert und verschlankt. Er erfindet ganz eigene Dialoge. Mira Stadler war unter anderem auch Regieassistentin am Burgtheater Wien.
Viel Applaus und "Bravo"-Rufe für das Ensemble.