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Von Menschen und Maschinen - "Coppélia X Machina" von Hélène Blackburn in der Deutschen Oper am Rhein

Premiere im Opernhaus Düsseldorf am 21. Januar 2023

Dagmar Kurtz 13.02.2023

Es ist ein alter Menschheitstraum, einen künstlichen Menschen herzustellen. Dabei fasziniert nicht nur die technische Umsetzung, sondern auch die Möglichkeit ein Wesen zu erschaffen, das ganz den Wünschen seines Herstellers genügt, quasi auf Knopfdruck funktioniert. Dass damit fast ausschließlich Männerphantasien bedient wurden, die sich nach einer unselbständigen, angepassten Geliebten sehnten, ist aus der Literatur schon von Pygmalion bekannt, der die Marmorstatue Galatea erschuf, die dann durch Götterhilfe zu Leben erwachte.

© Ingo Schäfer

Heute erschafft man Roboter, die aus dem Pflegenotstand helfen und durch Bedienung des Kindchenschemas sogar Emotionen wecken sollen. Die Künstliche Intelligenz verheißt ein sorgenfreies Leben solange der Strom fließt.

In E.T.A. Hoffmans "Der Sandmann" von 1816 ist es Nathanel, der sich in Olimpia verliebt und nicht erkennt, dass sie eine mechanische Puppe ist. Hoffmanns Erzählung hat bis heute viele Interpretationen hervorgerufen, viele Regisseure inspiriert, und diente bereits 1870 Arthur Saint Léon als Grundlage für sein Ballett "Coppélia".

Hélène Blackburn hat sich ebenfalls von E.T.A. Hoffmanns Erzählung inspirieren lassen und jetzt für das Ballett am Rhein eine neue Variante kreiert, welche die weitere Entwicklung der mechanischen Puppe zum Roboter berücksichtigt. Vom Handlungsballett hat sie sich dabei ganz gelöst, vielmehr haben wir es mit assoziativen Abstraktionen zu tun. Zu der Musik von Ana Sokolović werden repetierende Gesten synchron ausgeführt, die den monotonen Lauf von Maschinen in der Fabrik imitieren. Anfangs gibt es noch eine "Stoffpuppe", die auf jede Bewegung mit äußerster Flexibilität und Weichheit, ohne jegliche Körperspannung reagiert. Wie bei Hoffmann stehen drei Personen im Mittelpunkt: Sie" (Wun Sze Chan), "Er" (Orazio Di Bella) und "Der Macher" (Niklas Jendrics), die mitunter aber schwer zu identifizieren sind, weil sie in der Gruppe der Tänzer und Tänzerinnen untergehen. Die Individualität ist in dieser Welt abhandengekommen. Mit hoher Geschwindigkeit bewegt sich die Compagnie meist eckig und verharrt in starren Winkeln, selbst wenn sie auf Spitze tanzen. Bei Blackburn ist der Mensch zur Maschine geworden, der sich mit Hilfe von Stelzen und Prothesen fortbewegt, Androide wie Arnold Schwarzeneggers Terminator. Das Abgründige der romantischen Erzählung spiegelt sich hier in der technologischen Veränderung des Körpers und seiner futuristischen Künstlichkeit wider.

Hélène Blackburn hat in "Coppélia X Machina" nicht nur großartige Bilder geschaffen, sondern regt auch zum Nachdenken über die technologische Entwicklung an. Das Ballett am Rhein beeindruckte durch große Präzision. Die faszinierende Musik von Ana Sokolović wurde grandios von den Düsseldorfer Symphonikern unter der Leitung von Patrick Francis Chestnut wiedergegeben. Mit begeistertem Applaus wurde diese überzeugende Aufführung gewürdigt.

Choreographie: Hélène Blackburn
Musikalische Leitung: Patrick Francis Chestnut
Musik: Ana Sokolović
Bühne und Kostüm: Paul Zoller
Licht: Emmanuel Landry

Tänzer*innen
Paula Alves, Camilla Agraso, Marta Andreitsiv, Doris Becker, Daniele Bonelli, Jack Bruce, Yoav Bosidan, Orazio Di Bella, Wun Sze Chan, Lotte James, Sara Giovanelli, Niklas Jendrics, Evan L'Hirondelle, Pedro Maricato, Miquel Martínez Pedro, Moreira Geivison, Simone Messmer, Neshama Nashman, Clara Nougué-Cazenave, Rose Nougué-Cazenave, Marié Shimada, Courtney Skalnik, Kauan Soares, Edvin Somai, Andrea Tozza, Eric White

Düsseldorfer Symphoniker

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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