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Wiener Festwochen im Burgtheater: "Antigone im Amazonas" von Milo Rau / NTGent, MST (Bewegung der Landlosen)

am 25., 26. und 27. Mai 2023 um 20 Uhr

„Ungeheuer ist viel, doch nichts / Ungeheurer als der Mensch“, heißt es in der Antigone von Sophokles. Und so hieß es auch in der Eröffnungsrede der Wiener Festwochen 2020, online gehalten von der brasilianischen Schauspielerin und indigenen Aktivistin Kay Sara. Drei Pandemiejahre später heben mit Antigones Aufbegehren gegen Kreons Tyrannis der Ungerechtigkeit Kay Sara und ihre Mitstreiter:innen in Milo Raus Tragödienüberschreibung zu einer umfassenden Anklage an:

 

Copyright: Michiel Devijver

In Brasilien, wo etwa 10 Prozent der Bevölkerung 80 Prozent des Bodens besitzen, setzt sich die Bewegung der Landlosen (MST) für eine radikale Landreform ein. Als Chor beobachten und kommentieren sie das Bühnengeschehen zwischen Kreon, Antigone, ihrem Verlobten Haimon und dessen Mutter Eurydike von der riesigen Videowand herab.

Als letzter Teil seiner Antiken-Trilogie, die mit Orest in Mossul (2019 bei den Wiener Festwochen) begann, erzählt Milo Rau die Geschichte von Recht und Unrecht als blutiges Aufeinandertreffen von traditioneller Weisheit und Turbokapitalismus nach.

Nach einer erfolgreichen Weltpremiere in Gent (Belgien) am 13. Mai geht „Antigone im Amazonas“, eine Produktion von Milo Rau, dem MST und dem belgischen Stadttheater NTGent, auf Europa-Tournee. Bei den Wiener Festwochen ist das Stück am 25., 26. und 27. Mai zu sehen.

***

50 Prominente gegen die „nachhaltige“ Zerstörung des Regenwalds und der dort lebenden Menschen

(13.05.23) „Erklärung des 13. Mai“: Milo Rau, Brian Eno, Elfriede Jelinek, Slavoj Zizek, Carola Rackete, Yanis Varoufakis, Annie Ernaux, Angela Davis, Noam Chomsky und 50 weitere Persönlichkeiten solidarisieren sich mit der Landlosenbewegung MST in Brasilien, der größen sozialen Bewegung Lateinamerikas, kritisieren den Palmöl-Hersteller Agropalma sowie Firmen wie Ferrero und wollen gegen Greenwashing mittels Zertifikaten vorgehen. Schluss mit dem zertifizierten Ausverkauf unseres Planeten! Landreform jetzt! Gegen neoliberales Greenwashing!

Milo Rau lenkt als Theateraktivist unsere Blicke auf die hässlichen Gesichter eines Systems der Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Seine neueste Inszenierung, „Antigone im Amazonas“ feiert am 13. Mai europäische Premiere. Am 17. April hatte der Regisseur bereits das größte Massaker an Aktivisten des MST im brasilianischen Amazonas-Staat reinszeniert und damit einen nationalen Skandal ausgelöst. Nun solidarisiert sich Rau, gemeinsam mit 50 Prominenten aus Europa, Brasilien und ganzen Welt mit der Landlosenbewegung MST, die für eine radikale Landreform, eine tatsächlich ökologische Landwirtschaft und gegen die Zerstörung des Regenwalds durch Monokulturen kämpft.

Unter dem Deckmantel "grüner" Zertifikate wird Brasiliens größtes Palmölunternehmen, Agropalma, mit Missbräuchen wie der Aneignung von Land und der Vertreibung von Kleinbauern und indigenen Gemeinschaften in Verbindung gebracht. Missstände, die schließlich in Form von Brotaufstrichen und Schokolade in den gut gefüllten Regalen unserer Supermärkte landen - und von dort aus in Millionen europäischer Haushalte! 50 international bekannte Persönlichkeiten - darunter Brian Eno, Slavoj Zizek, Elfriede Jelinek, Carola Rackete, Jean Ziegler, Janis Varoufakis, Kim de l´Horizon und  Ilja Torjanow - fordern darum in der „Erklärung des 13. Mai“: Schluss damit!

Gemeinsam mit der brasilianischen Landlosenbewegung MST fordert das breite Netzwerk aus Künstlern, Aktivisten, Philosophen und Politikern die sofortige Prüfung der Zertifikate und den sofortigen Boykott aller Produkte der Abnehmer von Agropalma und anderer grosser Agrotrusts. Die „Erklärung des 13. Mai“ ruft dazu auf, auf Lebensmittel aus tatsächlich kooperativem, ethischem und biologischem Anbau zu setzen - und die Landlosenbewegung in ihrem Kampf für eine echte Landreform zu unterstützen. Denn soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz gehören zusammen. Wir brauchen kein Wirtschaftssystem, das den unbedingt nötigen Rodungsstopp mit Fake-Siegeln, CO2-Deals und privaten Schutzwäldern immer von neuem vertagt!

Die Erklärung des 13. Mai entstand im Kontext der Inszenierung „Antigone im Amazonas“: Im brasilianischen Bundesstaat Pará, nahe der Stadt Marabá, wo am 17. April 1996 auf einer Straße durch den Regenwald des Amazonas 19 Aktivist:innen des MST anlässlich eines „Marsches für die Landreform“ von der Militärpolizei erschossen wurden, inszenierte Milo Rau dieses Frühjahr gemeinsam mit der Landlosenbewegung MST und indigenen Aktivist:innen eine neue Version von Sophokles‘ „Antigone“. Das Stück gipfelte im Reenactment des Massakers selbst, am Ort und zum Jahrestag des Verbrechens.

Dem offenen Brief sollen weitere Aktionen in den Wochen der Aufführungen folgen.
 

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