Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Theater Nestroyhof Hamakom in Wien: DISRUPTED : DER ZERRISSENE von Nestroy - Eine TextmontageTheater Nestroyhof Hamakom in Wien: DISRUPTED : DER ZERRISSENE von Nestroy -...Theater Nestroyhof...

Theater Nestroyhof Hamakom in Wien: DISRUPTED : DER ZERRISSENE von Nestroy - Eine Textmontage

Premiere: Dienstag, 1. März 2011, 20.00 Uhr

 

In DER ZERRISSENE von 1844 gelingt Nestroy ein radikaler Befund der beginnenden Moderne und der einzigen Konsequenz, die sie letztlich für uns bereithalten wird: Herr oder Knecht, reich oder arm – versinnbildlicht im Höllensturz des „Kapitalisten“ Herrn von Lips.

Im Stück wird dieses Moment symbolisch anhand des Sturzes seiner beiden Hauptfiguren von Lips und Gluthammer vom Balkon, festgemacht.

 

Auf der Grundstruktur des Textes legt Andreas Hutter die Inszenierung als Nestroy-Alptraum oder Nestroy-Geisterbahn an: Himmel und Hölle des modernen Menschen, entblößt und reduziert auf seine Rolle in gegebenen Gesellschaftsgefügen. Dieser Aktionsraum, den Nestroys Text sehr genau

fasst und beschreibt, wird durch Einlagerungen fremder Texte dramaturgisch ergänzt. Dazu gehören etwa „Die 120 Tage von Sodom“ des Marquis de Sade, dessen sprachliche Bilder feudale Machtstrukturen und ihr Fortwirken in der Geschichte verkörpern, und Zitate von Heiner Müller, welche der beginnenden Moderne die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft und deren Scheitern

gegenüberstellen. Anhand dieser Gegenüberstellungen wird die Entwicklung des 'modernen Menschen' und sein zeitgleich beginnendes Verschwinden aufgezeigt. Die Idee des freien selbstbestimmten Individuums erlischt zusehends in ihrer Ablösung durch die funktionale Einheit des global standardisierten Konsumenten. Ausgehend davon, dass sich das Bild des Menschen in der globalisierten Gesellschaft grundlegend gewandelt hat und der Aktionsraum immer enger wird, bilden „Das Verschwinden des Menschen“ und die Frage nach neuen Räumen Grundthemen der Arbeit.

 

Sprachraum, Textfläche und Textraum sind in den szenographischen Inszenierungen von Andreas Hutter nicht nur inhaltlich und dramaturgisch von Bedeutung, in der konkreten szenischen Arbeit wird die musikalisch-klangliche Qualität der Sprache eine ganz entscheidende Rolle spielen. Diese Qualität wird bewusst als raumtragendes Element gesetzt, das sich mit der Architektur, dem inszenierten Bild und der Arbeit der Darstellerinnen und Darsteller zu einem Ganzen verbindet.

 

Andreas Hutter ist Regisseur, Dramaturg, Szenograph und Kostümbildner. In München geboren, wuchs er in Madrid auf und studierte Theater- und Musikwissenschaft an der Universität Wien. Von 1995 bis 2007 war er leitender Dramaturg des Landestheaters Bregenz, wo er unter dem Titel „Das fließende Bild“ auch eine Serie von Arbeiten im Kunsthaus Bregenz im Bereich zwischen bildender Kunst, Schauspiel und Performance inszenierte: "KUNST" von Yasmina Reza, BILDBESCHREIBUNG von Heiner Müller, CRAVE/GIER von Sarah Kane und BETON nach Heiner Müllers VERKOMMENES UFER MEDEAMATERIAL LANDSCHAFT MIT ARONAUTEN.

 

Inszenierungen am Theater waren u. a. GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT von Jean Paul Sartre, ALPENGLÜHEN von Peter Turrini, DAS SPIEL VON LIEBE UND ZUFALL von Marivaux, DER STURM von Shakespeare, WARTEN AUF GODOT von Samuel Beckett, LEONCE UND LENA von Georg Büchner, zuletzt BAMBILAND von Elfriede Jelinek und die Oper DER FREISCHÜTZ von Carl Maria

von Weber im Festspielhaus Bregenz (2008).

 

Neben seiner künstlerischen Arbeit übte er auch eine Lehrtätigkeit in den Bereichen Szenographie, Dramaturgie, Inszenieren und Gestalten an der Fachhochschule Vorarlberg aus und leitete einen Heiner-Müller-Workshop an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Seit 2008 freischaffend wieder in Wien, gründet er 2009 die Plattform SPACES für seine Arbeit im Bereich zwischen darstellender und bildender Kunst. Als erstes SPACES-Projekt realisierte er 2010 die performative Rauminstallation UND KEINE HAND. ZEIT, MÖRDERIN, ALTERSLOSE nach Texten von Heiner Müller in Koproduktion mit Troubleyn//Jan Fabre – Laboratorium und dem Theater Monty Antwerpen als UA; in Wien war diese Produktion im MAK und im Palais Kabelwerk zu sehen.

 

Inszenierung/ Szenographie/ Licht/Kostüm: Andreas Hutter

 

Mit: Evelyn Fuchs

Susanne Litschauer

Randolf Destaller

Ernst Christian Mathon

Gottfried Neuner

Lichtgestaltung: Daniel Reinthaller

Thomas Moch

Fotos: Nick Mangafas

 

Eine Produktion von SPACES Andreas Hutter

In Kooperation mit Theater Nestroyhof Hamakom

 

Spieltermine: 2. – 5. und 8. – 12. März 2011, jeweils 20.00 Uhr

Spielort: Theater Nestroyhof Hamakom

Nestroyplatz 1, 1020 Wien

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 19 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Die ganze Wahrheit? -- „True Crime“ - Andrey Kaydanovskiy | Hege Haagenrud | Demis Volpi in der Deutschen Oper am Rhein

Drei tänzerische Perspektiven zu Wahrheit und Fiktion: Andrey Kaydanovskiy „Chalk“, Hege Haagenrud „The Bystanders“, Demis Volpi „Non-Fiction Études“  

Von: Dagmar Kurtz

SZENEN OHNE ILLUSIONEN -- "Tosca" von Giacomo Puccini in der Staatsoper Stuttgart

Kann Kunst unsere Wirklichkeit beeinflussen? Diese Frage steht als zentrales Thema im Zentrum der Inszenierung von Willy Decker, dessen Figuren sich in Puccinis "Tosca" in einem schwarzen Kasten…

Von: ALEXANDER WALTHER

RETTET DIE FRAUEN! -- Premiere "Zertretung" von Lydia Haider im Schauspiel Nord STUTTGART

Die 1985 in Oberösterreich geborene Lydia Haider hat hier einen radikalen Text vorgelegt, der zuweilen an Rainald Goetz erinnert. Die zentrale Frage lautet: Wie geht man mit einem System um, das…

Von: ALEXANDER WALTHER

ATEMLOSE HÖHENFLÜGE -- SWR Symphonieorchester mit Busoni und Sibelius im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART

Zwei unterschiedliche Zeitgenossen standen diesmal im Zentrum: Jean Sibelius und Ferrucio Busoni. Immerhin weiß man, dass beide in Helsinki Schumanns Klavierquintett in Es-Dur gemeinsam musizierten.…

Von: ALEXANDER WALTHER

GIGANTISCHER SCHWARZER KEIL -- "Don Carlos" in der Staatsoper Stuttgart

In der Regie von Lotte de Beer steht das Thema Macht ganz im Zentrum des Geschehens. Ein gigantischer schwarzer Keil dreht sich immer wieder in geheimnisvoller Weise auf der von Christof Hetzer…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑