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"Nixon in China", Oper von John Adams, Staatsoper Hannover

Premiere Sa, 03.06.2023 / 19:30 Uhr Opernhaus

Ein Moment, so einzigartig „wie die Mondlandung“ sei es gewesen, schrieb Richard Nixon in seinen Memoiren. Der Moment ging medial um die Welt: der erste Staatsbesuch eines US-amerikanischen Präsidenten im kommunistischen China, vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs und der anstehenden amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Mitten im Kalten Krieg landet die Air Force One im Februar 1972 in Peking.

Copyright: Sandra Then

Das Präsidenten-Ehepaar Dick und Pat Nixon und Staatssekretär Henry Kissinger werden vom chinesischen Premierminister Chou En-lai begrüßt und vom (schwerkranken) Mao empfangen. Die Bilddokumente dieser historischen fünf Tage gingen dank einer großen medialen Inszenierung um die Welt – ein Vorbild aller heutigen Nachrichtenbeiträge über Politikerreisen inklusive Handschlag, Begegnung mit der einheimischen Bevölkerung und Sightseeing-Programm. Was für eine Idee, die Kunstform Oper für diesen Stoff zu wählen!

Und was macht der amerikanische Regisseur Daniel Kramer aus diesem historischen Stück Welt- und Heimatgeschichte seines Komponisten-Landsmanns John Adams? Das Bühnenbild voller pseudorealistischer Details rotiert im grellen Green Screen-Grün auf der Drehscheibe durch die historischen Fotostationen der Chinareise: die Landungszeremonie der Air Force One, Politikertreffen mit Handschlag, Bankette, das Sightseeing-Programm der First Lady, das Präsidentenschlafzimmer und Maos Apartment mit Swimmingpool. Historisch verbürgte Fakten und Zitate verbinden persönliche Memoiren mit dem Urteil der Nachwelt auf die Ereignisse und gewähren immer wieder einen mal humorvoll-überdrehten, mal melancholischen Blick durchs Schlüsselloch auf die privaten Beziehungen der Mächtigen. Was unterscheidet einen Menschen von einem Amtsinhaber? Was ist am Sein nicht zu ändern, und was an Schein nicht zu erzeugen, lautet die Frage, nicht zuletzt an uns selbst. Eine Satire zum Nachdenken, ein ernsthafter Riesenspaß – und richtig große Oper.

Eine moderne Heldenoper sollte es nach dem Vorsatz von Komponist John Adams, seiner Librettistin Alice Goodman und dem ideengebenden Opernregisseur Peter Sellars werden. Doch was vor allem deutlich wird ist die Entlarvung des Versuchs der neuen „Helden“, moderne Mythen durch mediale Inszenierung künstlich zu erschaffen. Zwei Kulturen begegnen sich, zwei Staatssysteme, aber auch zwei Ehepaare. Auf allen Ebenen wird das elementare Nicht-Verstehen der Staatenlenker bühnentauglich zugespitzt.

Nixon in China ruft fotografisch dokumentierte Szenen auf, der Text baut historische Redeprotokolle des amerikanischen Präsidenten und Worte des Großen Vorsitzenden Mao zu einem Heldenepos auf und setzt sie gegen teils wahre, teils erfundene Erinnerungen und Reflexionen der Figuren. Die Protagonisten stellen sich erst ins mediale Rampenlicht und dann als Menschen zutiefst in Frage. Komponist John Adams schrieb dafür Musik, die auch die geteilte Meinung der Nachwelt über das Ereignis, die Persönlichkeiten und deren Auftritt in der wohlkalkulierten Medien-Show deutlich verarbeitet: die Romantisierung Nixons zum volksnahen Landesvater mit Swing Music, die Verklärung Maos als Philosoph mit gellendem Tenor, Pat Nixon als lyrische Möchtegern-Landesmutter, die rasierklingenscharfen Koloraturen der Megäre Madame Mao, das kitschige Propaganda-Ballett Das rote Frauenbataillon, der undurchschaubar-höfliche Diplomat Chou En-lai, Kissinger als Strippenzieher des Präsidenten.

Zwischen Bigband-Sound, Broadway-Musical und Orchesterklang von Wagner bis Richard Strauss komponiert der Amerikaner John Adams eine große Oper, abseits von Etiketten wie Tradition und Avantgarde, Klassik und Unterhaltung. Seine Musik changiert zwischen glamourösen Hollywood-Fanfaren, tranceartigen oder wilden Minimal Music-Repetitionen, farbiger Orchestrierung bis zu Jazz, Gospel und Rock mit einem Rhythmus, der Fußwippen garantiert. Der amerikanische Regisseur Daniel Kramer inszeniert eine riesige Bühnenshow, die nahe am Broadway beginnt, um immer wieder in Momente ernsthafter zeitgeschichtlicher und persönlicher Tragik zu kippen.

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
ca. 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause
Für Erwachsene und Jugendliche ab 14 Jahren

 Musikalische Leitung Daniel Carter
Inszenierung Daniel Kramer
Bühne Lizzie Clachan
Kostüme Esther Bialas
Choreografie Xenia Wiest
Licht Elana Siberski
Sounddesign Maria Anufriev / Anush Grigoryan
Chor Lorenzo Da Rio
Dramaturgie Regine Palmai
Xchange Matthias Brandt

Chou En-Lai Darwin Prakash
Richard Nixon Mark Stone
Henry Kissinger Michael Kupfer-Radecky / Joshua Bloom
Nancy T’ang (1. Sekretärin Maos) Beatriz Miranda
2. Sekretärin Maos Freya Müller
3. Sekretärin Maos Milana Butaeva
Mao Tse-tung Daniel Norman
Pat Nixon Eliza Boom
Chiang Ch’ing (Madame Mao Tse-tung) Mercedes Arcuri
Tänzer:innen Ginevra Ferraris, Neve Arbel, Laura Nicole Viganò, Ida Kallanvaara, Luigi Sardone, Filippo Ferrari

Chor der Staatsoper Hannover,
Statisterie der Staatsoper Hannover,
Bewegungschor der Staatsoper Hannover,
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Bitte beachten Sie, dass in der Vorstellung Stroboskop-Licht zum Einsatz kommt.

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