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Samuel Becketts »Endspiel« im Theater Heilbronn

Premiere am 3. Oktober 2020, 19.30 Uhr, Großes Haus, Theater Heilbronn

»Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende ….« Die Welt ist zerstört und nahezu menschenleer. In einem Unterschlupf mit zwei trüben Fenstern ins Nichts hausen vier Überlebende einer Katastrophe, deren Ursache wir nicht kennen. Hamm, der Herr, ist blind und an den Rollstuhl gefesselt: »Kann es überhaupt ein Elend geben, das erhabener ist als meins«, bedauert er sich und pfeift nach seinem Diener Clov, um ihn umher zu scheuchen. Clov ist auch nicht der Gesündeste. Mit seinen steifen Beinen kann er kaum gehen, geschweige denn sitzen.

Copyright: Theater Heilbronn

Clov hasst seinen tyrannischen Herrn und würde ihn am liebsten verlassen. Aber er bringt es nicht fertig, denn Hamm wäre damit dem Tode geweiht, weil Clov der einzige ist, der sich um ihn kümmern kann. Auch töten kann er Hamm nicht, denn nur der weiß, wie der Speiseschrank zu öffnen ist. Ein Dilemma, in dem auch Hamms Eltern Nell und Nagg, die »verfluchten Erzeuger«, gefangen sind. Sie haben ihre Beine und einen Gutteil ihres Verstandes verloren, hausen neben ihrem launischen Sohn, der ihnen das karge Essen zuteilt, in Mülltonnen und träumen von der Jugend.  Wenn Clov auf die Leiter steigt, um aus den Fenstern zu schauen, beschreibt er seinem blinden Herrn das Grau, das er sieht: »Es ist nichts mehr übrig.« Sie spielen das unendliche Endspiel, reden an gegen die Hoffnungslosigkeit und ringen mit bösem um irgendeine »Sinnhaftigkeit« des Noch-Daseins.

»Nicht ist komischer als das Unglück«, sagt Nell an einer Stelle und liefert damit laut Beckett den Schlüssel, wie dieses groteske Szenario in »Endspiel« zu betrachten sei.  »Ich möchte, dass in diesem Stück viel gelacht wird. Es ist ein Spielstück«, sagte der Autor seinen Schauspielern, als er das Stück 1967 im Berliner Schillertheater selbst auf die Bühne brachte. Unglaubliche 150 Mal wurde das »Endspiel« in seiner Inszenierung aufgeführt und gefeiert. Neben »Warten auf Godot« ist dieser Klassiker des absurden Theaters Becketts größter Erfolg.

Beckett ist eine Ikone des 20. Jahrhunderts, dessen Texte zu ständig neuer Entdeckung einladen. Seine Stücke seien zeitlos, unbestechlich in ihrer Analyse, von einer großen sprachlichen Schönheit und deshalb über jede Kritik erhaben, schrieb Peter Brook in seinem Essay »Mit Beckett leben«. Er verärgere die Leute durch seine Ehrlichkeit, er fabriziere Objekte, führe sie vor: »Was er vorführt, ist furchtbar. Weil es furchtbar ist, ist es auch komisch«, fährt Brook fort und nannte die Uraufführung von Becketts »Endspiel« am Londoner Royal Court Theatre im Jahre 1957 das größte Theaterereignis seit Jahrzehnten.

Regie: Axel Vornam
Bühne und Kostüme: Tom Musch
Dramaturgie: Andreas Frane

Hamm: Oliver Firit
Clov: Stefan Eichberg
Nagg: Frank Lienert-Mondanelli
Nell: Sabine Unger

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