Eines der zentralen Motive, die sich durch den "Sandmann" ziehen, ist das des versehrten, entrissenen, in jedem Fall unzuverlässigen Auges. Subkutan durchwirkt die Angst vor dem Verlust des Sehens, des Blickes, des eigenmächtigen Zugriffs auf die Welt (von Freud als Kastrationsangst übersetzt) alle Verästelungen des Textes und ergreift schleichend vom Leser Besitz. Heute, da wir uns zwischen fragmentierten Narrativen, alternativen Fakten und manipulierten Bildern kaum noch einigen können, welche Wahrheit denn unumstößlich, welchen Augen noch zu trauen ist, scheint uns der 200 Jahre alte "Sandmann" von unheimlich-heimlicher Vertrautheit: Wo keine Gewissheiten sind, ist Furcht. Aber auch die Freiheit des Spiels.
Regie Robert Gerloff
Bühne Maximilian Lindner
Kostüme Johanna Hlawica
Musik Cornelius Borgolte
Licht Martin Jedryas
Dramaturgie Angela Obst
mit
Aurel Manthei Coppelius / Coppola
Oliver Möller Nathanael
Anna Graenzer Clara / Olimpia
Manfred Zapatka Professor Spalanzani / Nathanaels Vater
Arthur Klemt Lothar / Nathanaels Mutter / Siegmund
So 07. Apr 19, 19:00 Uhr
So 14. Apr 19, 19:00 Uhr
Sa 20. Apr 19, 19:30 Uhr
Das Bild zeigt E.T.A. Hoffmann
Residenztheater München: "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann
Premiere So 31. Mär 19, 19:30 Uhr, Marstall
24.03.2019
E.T.A. Hoffmanns Erzählung von 1815 "Der Sandmann" ist ein Paradies für Deutungsjäger. Das Bravourstück der schwarzen Romantik verbindet Mythen wie die vom Sandmann, der den Kindern die Augen blutig aus dem Kopfe reißt, den (Alp-)Traum vom menschenähnlichen Automaten und eine psychopathologische Fallstudie miteiner literarischen Fingerfertigkeit, die der Postmoderne Tränen in die Augen treibt. Virtuos spielt der Autor auf der Klaviatur des Unheimlichen (von dem Freud wusste,dass es "irgendwie eine Art von heimlich" ist): Es knallt und pufft und brennt in diesem Text, der die Menschen wie Puppen verrenkt und die ärgsten Phantasien in dieWelt stellt, bis sie beinahe zerbricht.

