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"Mefistofele" von Arrigo Boito - Theater Chemnitz

Premiere am 28. September 2019, 19.00 Uhr im Opernhaus Chemnitz

Ein starkes Eröffnungsbild zeigt Mefistofele im Dialog mit Gott, musikalisch auf beeindruckende Weise durch opulent besetzte Chöre im sinfonischen Stil dargestellt. Mefistofele ist überzeugt davon, dass er Fausts Seele für sich gewinnen kann. Darüber schließt er mit Gott eine Wette ab. Faust lässt sich zum allbekannten Pakt überreden und genießt die Freuden, die ihm Mefistofele verschafft. Aber das Spiel endet anders als vom Höllenfürsten geplant, denn der Augenblick, zu dem Faust sagt: „Verweile doch, du bist so schön!“, ist der Moment, an dem dieser die Endlichkeit des Seins erkennt und sich Gott zuwendet, der ihm Erlösung im Tod gewährt.

Mit Arrigo Boitos „Mefistofele“ kommt eine der erfolgreichsten italienischen Opern des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf die Bühne des Chemnitzer Opernhauses. Sie ist gleichzeitig diejenige unter allen „Faust“-Opern, die sich am engsten an den Goethe-Text anlehnt. „In Goethes Dichtung finden sich alle Elemente der Kunst in einer gewaltigen Einheit versammelt: Der Prolog im Himmel stellt das Erhabene dar, die Walpurgisnacht das Schreckliche, der Osterspaziergang das Wirkliche, die klassische Walpurgisnacht das Schöne“, schrieb Boito fasziniert über das Werk des deutschen Meisters. Er nannte die Oper „Mefistofele“, weil sein Theaterinstinkt, der sich schon beim Libretto für die „Hamlet“-Oper Franco Faccios gezeigt hatte und später u. a. zu so genialen Operntexten wie „Otello“ in Verdis Vertonung führen sollte, in dieser Figur das größte dramatische Potential sah.

Arrigo Boito ist heute vor allem als Librettist von Verdis beiden letzten Opern „Otello“ und „Falstaff“ bekannt. Seine eigenen kompositorischen Arbeiten sind eher im Hintergrund geblieben. Dabei hat er diese künstlerische Ausdrucksform schon sehr früh für sich entdeckt. Er wurde 1842 in Padua als Sohn eines Künstlers und einer polnischen Gräfin geboren. Bereits als Neunjähriger verfasste Arrigo Boito erste Kompositionen. Ab 1853 war er am Mailänder Konservatorium eingeschrieben und erhielt Geigen-, Klavier- und Kompositionsunterricht. Dort lernte er den zwei Jahre jüngeren Franco Faccio kennen. In ihm fand er nicht nur einen Freund und Partner für gemeinsame Kompositionsprojekte, so die Oper „Hamlet“, die in der vergangenen Spielzeit an der Oper Chemnitz zu erleben war, sondern auch einen Mitstreiter in seinem Engagement für die nationale Befreiungsbewegung und die Erneuerung der italienischen Oper.

Gemeinsam mit Faccio reiste er 1862 zu einem Studienaufenthalt nach Paris, wo er unter anderem Giuseppe Verdi, Charles Gounod, Gioachino Rossini und Hector Berlioz traf und den Dichter Victor Hugo kennenlernte, mit dem er in den folgenden Jahren eine umfangreiche Korrespondenz führte. Boito zählte sich zu den Scapigliati (die Zerzausten), einer künstlerischen Bewegung, die sich in ihrem Äußeren und ihrem Lebensstil bewusst von der etablierten Gesellschaft absetzte und sich für eine Verbindung der Kunst zum realen Leben sowie die Vereinigung verschiedener Kunstformen aussprach.

Boito wollte die italienische Oper stilistisch erweitern und eine größere Ausgewogenheit zwischen Libretto und Komposition herstellen. Als Vorbild dienten ihm dabei vor allem die Werke Richard Wagners. 1868 wurde seine Oper „Mefistofele“ an der Mailänder Scala uraufgeführt. Übersetzungen verschiedener deutscher Opernlibretti ins Italienische wie etwa Wagners „Tristan und Isolde“ und Webers „Freischütz“ sowie verschiedene andere Textarbeiten bestimmten Boitos Tätigkeit in den 1870er Jahren, bevor mit dem ersten Libretto-Entwurf für „Otello“ die intensive Zusammenarbeit mit Giuseppe Verdi begann. Boitos eigene Oper „Nerone“, die ihn schon seit 1862 beschäftigte, begleitete ihn bis zu seinem Tod 1918, ohne dass er sie fertigstellen konnte.

Entstehungsgeschichte
Als einer der ersten italienischen Komponisten schrieb Arrigo Boito nicht nur die Musik, sondern auch den Text für eine Oper. Anfang der 1860er Jahre, parallel zur Libretto-Arbeit an „Hamlet“, verfasste er erste Skizzen zu seinem „Mefistofele“. Ungewöhnlich war Boitos Sprachbehandlung. Er bediente sich vielfach ungebräuchlicher, alter Worte, was das Publikum einigermaßen irritierte. Außerdem hielt er sich nicht an das traditionelle Versschema, sondern ging über weite Strecken sehr frei damit um, was ihm eine größere Variabilität bei der Vertonung möglich machte. Aber auch dies fand nicht unbedingt ungeteilte Zustimmung im Auditorium. Nachdem die Uraufführung der Oper am 5. März 1868 an der Mailänder Scala noch ein Fiasko war, weil neben den Formneuheiten Boitos Fünfeinhalb-Stunden-Stück das Publikum nicht nur zeitlich, sondern aufgrund des in Italien noch relativ unbekannten „Faust“-Stoffs auch inhaltlich überforderte, konnte „Mefistofele“ in einer überarbeiteten, sehr gestrafften Version am 4. Oktober 1875 in Bologna auf Anhieb einen großen Erfolg verbuchen, der sich bald auch auf den internationalen Bühnen einstellte.

Musik
Boito strebte nach etwa ganz Neuem: Er wollte die italienische und die deutsche Musiktradition zusammenführen und daraus eine eigene Farbe kreieren. Dadurch, dass er Librettist und Komponist
in einer Person war, konnte er seine poetischen Ideen und Emotionen in der Musik adäquat weiterführen. „Mefistofele“ folgt nicht mehr dem Nummernopern-Prinzip, sondern ist durchkomponiert. Es wechseln sich große Chorszenen, die eine enorme Kraft und Energie offenbaren, mit intimen Konstellationen – maximal in Quintettform – ab, in denen die Protagonisten in berührender musikalischer Gestaltung ihre innersten Gedanken offenbaren.

Der Regisseur Balázs Kovalik wird dieses außergewöhnliche Werk für die Oper Chemnitz in Szene setzen. Geboren in Budapest, war er von 2007 bis 2010 als Künstlerischer Leiter der Ungarischen Staatsoper tätig und machte mit seinen dortigen Inszenierungen von „Elektra“, „Fidelio“, „Xerxes“ und József Sáris „Sonnenfinsternis“ auf sich aufmerksam. Darüber hinaus ist Balázs Kovalik regelmäßig an Opernhäusern in Deutschland zu Gast, u. a. in Bonn, Hannover, Leipzig, München und Schwerin. „Mefistofele“ hat er bereits an der Ungarischen Staatsoper Budapest inszeniert und wird diese Produktion mit seinem Regieteam nun in einer Adaption für die Oper Chemnitz herausbringen.

Oper in einem Prolog, vier Akten und einem Epilog von Arrigo Boito
(Aufführung in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln)

Musikalische Leitung: Guillermo García Calvo / Jakob Brenner
Inszenierung: Balázs Kovalik
Bühne: Csaba Antal
Kostüme: Mari Benedek
Choreografie: Leo Mujić
Chor: Stefan Bilz

Mit: Magnus Piontek (Mefistofele), Cosmin Ifrim / James Edgar Knight (Faust), Katerina Hebelkova (Margherita / Helena), Siyabonga Maqungo / James Edgar Knight (Wagner / Nereo), Sophia Maeno (Marta / Pantalis)

Das Bild zeigt Arrigo Boito

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