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Sinnlichkeit und Ekstase - "One and others" von Christopher Wheeldon, Demis Volpi, Sharon Eyal in der Deutschen Oper am Rhein

April 2023

Dagmar Kurtz 15.04.2023

Für die Auswahl der drei Stücke für den Ballettabend mit dem Titel "One and others" waren für Demis Volpi die "Liebe zur Virtuosität und Technik und die damit einhergehende Präzision der Ausführung" maßgeblich, eine Aufgabe die das Ballett am Rhein mit Bravour meistert. Aber außer einer virtuosen Körperbeherrschung gehören noch eine Reihe anderer Komponenten zu einem gelungenen Tanzstück, wenn eine unvergleichliche Atmosphäre kreiert werden soll.

© Bettina Stöß

Bei den drei ausgewählten Stücken fällt auf, dass das Licht eine besondere Rolle spielt. Bei "Polyphonia", einem Stück von Christopher Wheeldon im neoklassistischen Stil zu Musik von György Ligeti, wird das Licht nach jeder der zehn Episoden für Sekunden komplett ausgeblendet. Vier Paare in dunkelbauen Kostümen treten zu Beginn und zu Ende auf, dazwischen gibt es Pas des deux, ein Männerduo, aber auch ein Solo, in vielfältigen Variationen von Hebungen und Balancepunkten. Ligetis Prinzip der Phasenverschiebung findet sich besonders ausgeprägt in der ersten Episode wieder. "Polyphonia" ist ein Stück, das Tanzgeschichte geschrieben hat, klar und trotzdem sinnlich überzeugt es durch einen hohen Grad an Ästhetik.

Beim titelgebenden Stück des Abends hat sich Demis Volpi von der 1955 entstandenen kleinen Holzskulptur "One and others" von Louise Bourgeois inspirieren lassen. Diese besteht aus dicht aneinandergedrängt stehenden, einzelnen Holzstelen, schwarz bemalt und teilweise ockerfarbig gemustert, in organischer Form, montiert auf einer Holzplinthe. Und so räumlich eingegrenzt werden auch die Tänzer und Tänzerinnen durch Lichtkegel, die zugleich Räume und Zwischenräume markieren. Das Licht ist diffus, die Tänzer und Tänzerinnen in pastell-grau changierenden Kostümen erscheinen wie durch einen vagen Nebelschleier. Das Geräusch von Lokomotiven, das mitunter in der Musik von Christos Hatzis erklingt, und die Einspielung von Kehlkopfgesang kanadischer Inuit, tragen zur milchigen, mysteriösen Atmosphäre bei. Fünf Paare suchen, umschwärmen, finden einander, versuchen sich als Einzelne zu behaupten, als Gruppe zu bestehen. Von hoher Emotionalität wird auch der Spitzenschuh zum rhythmisierenden Perkussionsinstrument.

Nach den eher besinnlichen beiden Stücken setzt sich zu ohrenbetäubender Techno-artiger Musik in "Salt womb" von Sharon Eyal und Gai Behar ein Muskelprotz in Szene. In Bodybuilder-Posen ist er schlaglichtartig ausgeleuchtet und von starker Präsenz. Dazu blendet das Licht allmählich andere sich Verausgabende auf. Pure Körperpräsenz, die bis zum Exzess herausgefordert ist. Das Sich-Verlieren im Auspowern des Körpers zu hämmernden Rhythmen um Erfahrungen von Ekstase, Rausch, Trance zu erspüren, in sich immer wiederholenden Bewegungsmustern, Menschen die wie Maschinen agieren. Eine Köperverliebtheit, die dennoch in der Gemeinschaft Aufnahme findet. Mit Ovationen wurde diese sogartige, herausfordernde, intensive Arbeit bedacht.

Ein vielfältiger Abend, der auf ganzer Linie überzeugte.

Polyphonia
Uraufführung am 4. Januar 2001, New York City Ballet
Choreographie: Christopher Wheeldon
Musik: György Ligeti
Kostüme: Holly Hynes
Licht: Mark Stanley
Einstudierung: Michele Gifford
Pianistin: Susanna Kadzhoyan

Tänzer*innen
Futaba Ishizaki, Daniele Bonelli, Paula Alves, Damián Torío,
Maria Luisa Castillo Yoshida, Eric White, Marié Shimada, Kauan Soares

one and others
Uraufführung am 13. August 2015, Ballet Nacional de Sodre, Uruguay
Choreographie: Demis Volpi
Musik: Christos Hatzis
Kostüme: Thomas Lempertz
Licht: Claudia Sánchez

Tänzer*innen
Lara Delfino, Dukin Seo, Futaba Ishizaki, Vinícius Vieira, Maria Luisa Castillo Yoshida, Nelson López Garlo, Elisabeth Vincenti, Miquel Martínez Pedro, Rose Nougué-Cazenave, Niklas Jendrics

Salt Womb
Uraufführung am 22. September 2016, Nederlands Dans Theater, Den Haag

Choreographie: Sharon Eyal, Gai Behar
Musik: Ori Lichtik
Kostüme: Sharon Eyal, Gai Behar, Rebecca Hytting
Licht: Alon Cohen
Einstudierung: Léo Lérus

Tänzer*innen
Gustavo Carvalho, Mariana Dias, Wun Sze Chan, Sara Giovanelli, Miquel Martínez Pedro, Paula Alves, Lara Delfino, Doris Becker, Norma Magalhães, Kauan Soares, Marié Shimada, Nelson López Garlo, Niklas Jendrics, Pedro Maricato, Lotte James, Charlotte Kragh, Courtney Skalnik

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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