Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Selbsterkundung Selbsterkundung Selbsterkundung

Selbsterkundung

"Cherchez la femme" von Cooperativa Maura Morales im FFT Juta

Zusammengekauert und regungslos verharren drei Frauen auf der Bühne. Drei Frauen mit runden Spiegeln, die das Gesicht verdecken, aber nichts widerspiegeln, nichts durchscheinen lassen. Sie erinnern an Gesichtsgläser alter Taucheranzüge. Andere Spiegel verdoppeln die Gliedmaßen. Drei Frauen, die ihren Körper bis zur Schmerzgrenze erkunden, sei es mit extrem verdrehten Gliedmaßen, sei es durch Abklebungen des Körpers mit durchsichtigem Klebeband, womit die der Köper in einzelne Segmente geteilt ist; die Tänzerin die Fortbewegungsart einer Raupe nachahmend.

Eine andere Tänzerin löst sich aus Eingipsungen. Immer wieder das Ablegen von Kleidung. Häutungen, die nicht nur den nackten Körper zeigen, sondern auch die Seele bloßlegen. Kraftvoll, wütend, zugleich aber auch verletzlich: so treten die Tänzerinnen der Cooperativa Maura Morales in „Cherchez la femme“ auf, einem Stück, das sich auf Leben und Werk der Fotografin Francesca Woodman bezieht. Diese beging - noch bevor sie bekannt werden konnte - mit 22 Jahren Suizid, indem sie aus einem Fenster sprang.

Spiegel, Gipsmasken, der eigene nackte Körper in verfallenden Häusern, sind Motive, die Francesca Woodman in ihren Fotografien verwendet. Es sind Arbeiten, mit denen sie sich selbst erkundet, ihren Körper, ihre Sexualität, ihre Seele, ihre Rolle als Frau und Künstlerin. Es sind auch Arbeiten, mit denen sie sich ihrer selbst vergewissern möchte nach Erfahrungen von Zurückweisung durch Männer und mangelnder künstlerischer Anerkennung. Ihre Fotografien berühren und verunsichern zugleich.

In Maura Morales Choreographie finden sich einige der von Francesca Woodman verwendeten Accessoires wieder. Sie sind die Ausgangslage für grundsätzliche existenzielle Fragen, mit denen sich auch Woodman beschäftigt hat - ihrer Verzweiflung, dem Unbehaustsein in der Welt, der Suche nach der eigenen Identität, aber auch dem Finden einer künstlerischen Ausdrucksweise. Man merkt, dass Maura Morales sich mit all dem intensiv auseinandergesetzt hat. Und sie hat das in starke Bilder umgesetzt und dafür eine eigene emotionale, ausdrucksstarke Sprache gefunden, die durch die Komposition von Michio Woirgardt musikalisch abgerundet wird. Überaus beeindruckend!

Konzept/Regie/Choreografie: Maura Morales.
Tänzerinnen: Maura Morales, Kalin Morrow,Mihyun Ko.
Komposition/Livemusik: Michio Woirgardt.
Dramaturgie: Michaela Predeick.
Lichtdesign/Technische Leitung: Grace Morales Suso.
Bühnenbild: Anne-Katrin Puchner, Maura Morales.
Kostüm: Marion Strehlow. Assistenz: Marcela Ruiz Quintero.

November 2019

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 12 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

NORDISCHE KLANGFARBEN -- Neue CD "Northern Colours" mit Felix Klieser (Horn) bei Berlin Classics erschienen

Im Zentrum des neuen Albums von Felix Klieser (Horn) steht das inspirierende Werk "Soundscape - A Walk in Colours" op. 118 von Rolf Martinsson, der 1956 in Schweden geboren wurde. Der Komponist hat…

Von: ALEXANDER WALTHER

DIE TOTEN KOMMEN WIEDER -- Premiere "Antigone. Ein Requiem" von Thomas Köck im Schauspiel Nord/STUTTGART

"Sag mir nur eins, was taugt der Frieden hier, wenn er Leichen an den Strand spült, was für ein Frieden soll das sein?" fragt Antigone ihren Gegenspieler Kreon. Wer übernimmt eigentlich Verantwortung…

Von: ALEXANDER WALTHER

MIT VERVE UND ESPRIT -- Neue 4-CD-Box beim Label Naxos erschienen: Berühmte Orchesterwerke und Walzer von Johann Strauss II

Das Slowakische Staatliche Philharmonische Orchester, das Slowakische Radio Sinfonieorchester, das Polnische Staatliche Philharmonische Orchester Katowicze und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien…

Von: ALEXANDER WALTHER

DIVERSE LACHVARIATIONEN -- Kabarett mit Eva Eiselt im Kleinkunstkeller BIETIGHEIM-BISSINGEN

Putin, Trump und Kaiser Wilhelm I. möchte sie am liebsten unter Denkmalschutz stellen lassen. Die Kabarettistin Eva Eiselt erhielt nicht nur den Deutschen Kabarettpreis, sondern auch den goldenen…

Von: ALEXANDER WALTHER

TURBULENZEN MIT HAPPY END -- "Die Hexe von Konotop" von Hryhorij Kvitka-Osnovyanenko mit dem Ivan Franko Nationaltheater Kiew im Schauspielhaus STUTTGART

Diese Aufführung des satirischen Stücks "Die Hexe von Konotop" nach der Erzählung von Hryhorij Kvitka-Osnovyanenko (1778 bis 1843) geriet zum Höhepunkt des Europäischen Theaterfestivals in Stuttgart.…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑
StartseiteBeiträgeKritikenHintergründeTheatermacherServiceFachbegriffeSuche