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RETTET DIE FRAUEN! -- Premiere "Zertretung" von Lydia Haider im Schauspiel Nord STUTTGART

am 13.4.2024

Die 1985 in Oberösterreich geborene Lydia Haider hat hier einen radikalen Text vorgelegt, der zuweilen an Rainald Goetz erinnert. Die zentrale Frage lautet: Wie geht man mit einem System um, das weibliche Stimmen lautstark übertönt? In der subtilen Regie von Glen Hawkins (Bühne und Lichtkonzept: Kanade Hamawaki; Kostüme: Paula Lindenmann) wird die Degradierung von Frauen zu Objekten zugleich scharf kritisiert.

Copyright: Björn Klein

Die beiden furiosen Darstellerinnen Saba Hosseini und Marie Schwanitz gestalten ihre Rollen rebellisch, sie wehren sich spontan und energisch gegen die Opferrolle, die man ihnen zugedacht hat. Von allen Seiten läuten hier unentwegt Kirchenglocken, die das Absurde der dargestellten Situation unterstreichen. Welches System macht dabei das Naturgesetz? Gewalt soll in diesem Stück durchaus mit verbaler Gewalt beantwortet werden. Alles Männliche soll systematisch abgeschlachtet werden. Selbst Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz wird heftig attackiert - und dem derzeitigen Bundeskanzler Karl Nehammer knipst man gleich die Zunge ab. Das Ganze erinnert immer wieder an absurdes Theater. Die Devise "Wir lachen österreichisch" bezieht sich durchaus auf einen Schriststeller wie Thomas Bernhard, dessen "Leichenschändung" Lydia Haider virtuos variiert. Und Showmaster Thomas Gottschalk wird in diesem bösen Stück sofort erschossen.

"Was ist das hier für eine Traumversammlung?" fragt eine der Frauen. Die Frauen sollen gerettet werden. Und alle "Thomasse" werden schnurstracks in einer Ecke zusammengestellt.  Der Schriftsteller Peter Handke wird gar in  einen riesigen Fleischwolf gedrückt: "So eine Sau!"  Man mokiert sich über die vielen Männer, die immer das Falsche tun: "Geht noch ein Walzer?" Da geht richtig die Post ab: "Lebt weiter in eurer Schande!" Und das Motto lautet: "Wer Unrecht tut, der wird empfangen, was er getan hat." Sogar der "Gevatter im Himmel" und "Jesus Christus" werden immer wieder angerufen. Die beiden Darstellerinnen steigern sich in ihre schwierigen Rollen mit Humor und exzentrischer Präzision hinein: "Wie bringt man die Sprache um?" Die patriarchale Unterdrückung soll endgültig vernichtet werden: "Es ist eine Sauerei!" Und die Beschimpfungen werden immer obszöner, unflätiger: "Scheiß' doch die Wand an!" Gegen alles rebellieren diese Frauen: "Halleluja, bumstinazi!"

Dann starrt man als Zuschauer plötzlich  auf eine weiße Wand, deren Papierwände gnadenlos durchstochen werden: "Ich schreib' ein ganzes Buch über dich, das ich dann verbrenne!" Die beiden Frauen steigern  sich in einen imaginären Tötungsrausch hinein, treten auf einen braunen Sack, der einen Großteil der Bühne ausfüllt: "Mit uns nimmt es noch ein schönes Ende..." Die weißen Wände werden mit Spraydosen schwarz vollgesprüht. "Dreht doch endlich lauter, damit man euch nicht mehr hört!" lautet die ultimative Forderung. Rotes Schaumgummi wird aufgeblasen, es entsteht eine Burg - und die beiden Frauen meinen schließlich, dass der "heilige Geist" über sie gekommen sei. Das virtuose Spiel mit einer manchmal brutalen Sprache verblüfft bei dieser Aufführung immer wieder: "Und dann nehm' ich deinen ganzen Kopf in den Mund und beiss' zu!" Zuletzt kommt sogar noch Nebel auf. Die  Frauen erscheinen mit riesigen Mündern, was die groteske Situation noch verschärft: "Außer du willst, dass ich komplett ausflippe!"

Mit dem Entsetzen scherzt man hier immer wieder, Langeweile kommt so trotz kleinerer szenischer Schwächen glücklicherweise nie auf.  Man will "aus der Willkür aller Syntax" einfach einmal ausbrechen. Sogar Boxhandschuhe werden schließlich eingesetzt, mit denen sich die außer Rand und Band geratenen Damen gegenseitig attackieren. Apokalypsen deuten sich an, die Szene wird immer dichter und beengter. In diesem Rausch entsteht ein atemloses Duell mit der Sprache, gefolgt von Bandwurmsätzen, die wirklich kein Ende nehmen.

Die Angst, den eigenen Körper durch die Vernichtung der Sprache zu zerstören, bleibt in dieser Inszenierung trotz der vielen Ironie immer spürbar. Sprache ist dabei durchaus eine Handlungsmacht, die sich nicht einengen lässt. Es ist zuletzt sehr berührend, wenn sich die beiden umarmenden Frauen plötzlich ganz zusammenfinden und irgendwie glücklich sind, diese beispiellose Sprachkatastrophe überlebt zu haben.

Starker Schlussapplaus, viele "Bravo"-Rufe für diese Kooperation mit der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg.
 

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