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STARKE BILDER AM WELTENDE -- Richard Wagners "Götterdämmerung" als Live-Stream aus der Oper ZÜRICH

am 26.5.2024

In der Inszenierung von Andreas Homoki spielt ein gold-weiß gehaltenes, klassizistisches Ambiente eine große Rolle (Ausstattung: Christian Schmidt). Der Zuschauer befindet sich in einer herrschaftlichen Villa. Man begreift, dass Wagner hier gegen Materialismus und für Nächstenliebe plädiert. Es ist auch ein Fanal für die Freiheitsliebe. Immer wieder sieht man fliegende Raben als geheimnisvolle Schattenspiele, während sich die Bühne dreht und einer ständigen visuellen Veränderung unterworfen ist.

 

Copyright: Opernhaus Zürich

Wagners "Götterdämmerung" als Live-Stream am 26.5.2024 aus der Oper/ZÜRICH In der Inszenierung von Andreas Homoki spielt ein gold-weiß gehaltenes, klassizistisches Ambiente eine große Rolle (Ausstattung: Christian Schmidt). Der Zuschauer befindet sich in einer herrschaftlichen Villa. Man begreift, dass Wagner hier gegen Materialismus und für Nächstenliebe plädiert. Es ist auch ein Fanal für die Freiheitsliebe. Immer wieder sieht man fliegende  Raben als geheimnisvolle Schattenspiele, während sich die Bühne dreht und einer ständigen visuellen Veränderung unterworfen ist.

In einer stummen Rolle erkennt man auch Wotan, der  bei der eindrucksvoll gestalteten Szene zwischen Brünnhilde und Waltraute stumm am goldverzierten Tisch mit Holdas goldenen Äpfeln sitzt. Bei der anfänglichen Liebesszene zwischen Brünnhilde und Siegfried stülpt diese ihrem Geliebten einen Pferdekopf über. In der Mitte steht ein Himmelbett mit goldverziertem Rand. Und die Nornen spannen zu Beginn tatsächlich Seile, die schließlich zerreissen. Immer wieder taucht eine große und geheimnisvolle Weltesche auf, die das Geschehen stark prägt. Die stärksten Szenen finden zuletzt bei Brünnhildes Schlussgesang statt. Da sieht man dann im Hintergrund der Szene einen riesigen roten Feuerschein. Und Wotan sitzt vor einem Gemälde, auf dem der Brand Walhalls eindringlich dargestellt wird. Das sind dann ganz starke Bilder am Ende, zumal Siegfried bei Brünnhildes Schlussgesang wieder von den Toten aufersteht. Man vergisst dabei die manchmal eintönig-kahle Bühne in den vorherigen Akten. Beide bilden ein lebendiges Paar -  eine höchst ungewöhnliche Deutung. 

Musikalisch kann diese Aufführung ebenfalls überzeugen. Der Dirigent Gianandrea Noseda arbeitet mit der Philharmonia Zürich die leitmotivische Verknüfung sehr behutsam heraus. Kein Detail des musikalisch-poetischen Gewebes geht da verloren, was vor allem den Sängern zugute kommt. Die Umformung der Themen und ihre neue Deutung im sinfonischen Kontext werden einfühlsam und durchsichtig gestaltet. Überragend sind Brünnhilde und Siegfried mit Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt besetzt, die beide gesanglich in überwältigender Weise zusammenfinden. Der Doppelschlag des Liebesmotivs steigert sich zur triumphalen Heldentonart Es-Dur des ekstatischen Liebesduetts.  Schon als Hagen Siegfried begrüßt, weist das drohende Fluch-Motiv in den Posaunen auf dessen Untergang hin. David Leigh imponiert als Hagen mit robustem und voluminösem Bass, das Hagen-Motiv in den Celli mit Pizzicato wird ausgesprochen eindringlich gestaltet. Die Klänge von Hagens Gesang mit Tritonus, Nibelungenhass- und Ring-Motiv sind hier ausgesprochen klangfarbenreich.

Auch der Gunther von Daniel Schmutzhard überzeugt mit markantem hohem Bass. Das Nachtstück zwischen Alberich und Hagen zu Beginn des zweiten Aktes ist ein gespenstisches Spiel zwischen Licht und Schatten, Christopher Purves als Alberich gibt Riesen-Motiv und Drachentritonus eine dämonische Präsenz. Hagens Szene mit den Mannen zeigt deutlich die besonderen Qualitäten des Chors der Oper Zürich, wobei die Stierhörner-Rufe in C, Dis und E infernalische Wucht haben. Der Männerchorsatz besitzt hier kontrapunktische Meisterschaft, in den tiefen Bläsern und Streichern zeigt sich der Tritonus h-f mit präziser Akribie. Hervorragend gestaltet Camilla Nylund auch die gebrochene Brünnhilde, die ihren erregten Intervallen viele Nuancen verleiht. Ausgezeichnet ist ferner die hochemotionale Gutrune von Lauren Fagan, während Sarah Ferede als Waltraute Brünnildes Glücksgefühl mit Wotans Verzweiflungsmotiv empfindlich und bewegend stört. Hochdramatisch gestaltet Homoki die Ermordung Siegfrieds durch Hagen - und das Orchester agiert dabei unter Gianandrea Noseda packend und elektrisierend mit der abwärtsrasenden chromatischen Skala der Streicher und dem doppelten Schlag des gesamten Klangkörpers.

Auch Noseda begreift den anschließenden "Trauermarsch" als ergreifenden griechischen Chorgesang, wobei die Motive des freien Helden Siegfried ab dem Schwertgewinn in C-Dur bei der Philharmonia Zürich einen gewaltigen Aufschwung bringen. Bei Brünnhildes Schlussgesang erreicht Camilla Nylund nochmals eine große stimmliche Intensität. Das Wunder-Motiv in Des-Dur erstrahlt hier  besonders berührend. In weiteren Rollen fesseln Freya Apffelstaedt, Lena Sutor-Wernich und Giselle Allen als erste, zweite und dritte Norn sowie Uliana Alexyuk, Niamh O'Sullivan und Siena Licht Miller als Woglinde, Wellgunde und Floßhilde. Wolfram Schneider-Lastin stellt Wotan in einer stummen Rolle dar.

Ovationen, endloser Jubel für das gesamte Team. Es ist eine sehr sehenswerte Aufführung.

 

 

 

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