Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache", Badisches Staatstheater KarlsruheRoland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache", Badisches Staatstheater...Roland Schimmelpfennigs...

Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache", Badisches Staatstheater Karlsruhe

Premiere: Donnerstag, 17. März 2011, 20.00 Uhr | INSEL. --

 

Menschlich, allzumenschlich geht es zu in einem Mietshaus irgendwo in Europa: Ein Mann wird von seiner Frau verlassen, ein junges Paar ist mit einer ungewollten Schwangerschaft überfordert, ein einsamer alter Mann will wieder jung sein.

 

 

Kurz: Die Bewohner sind einsam, unzufrieden und alle wollen nichts weiter als ein klein wenig Glück, das ihnen den Alltag versüßt. Mittelpunkt dieses Hauses ist das asiatische Restaurant „Der goldene Drache“. In der beengten Küche arbeiten fünf Asiaten wie am Fließband. Einer von ihnen, ein junger Chinese ohne Aufenthaltsgenehmigung, hat fürchterliche Zahnschmerzen. Ohne Umstände wird ihm mit einer Rohrzange der kariöse Zahn gezogen, der versehentlich in der Suppe einer Stammkundin landet, die ihn beinahe verschluckt. Dieses scheinbar banale Ereignis ist der Auftakt zu einer rätselhaften und unendlich traurigen Geschichte. Denn eines Tages erzählt jemand die nahezu brechtsche Parabel von einer hungrigen Grille, die im Winter zum Opfer einer geschäftstüchtigen Ameise wird, und die den ganzen dunklen Winter von den anderen Ameisen missbraucht wird.

 

Jetzt verweben sich die kleinen Geschichten aus dem Mikrokosmos des Mietshauses zu einem Kaleidoskop unserer Gesellschaft mit einem bitteren Beigeschmack. Durch das filmische Mittel der short-cut-Montage, 5 SchauspielerInnen, die in insgesamt 17 Rollen schlüpfen und mit schnellen Perspektivwechseln lässt Schimmelpfennig die unterschiedlichen Geschichten miteinander kommunizieren. Plötzlich erweisen sich diese als gar nicht mehr so harmlos, und es entsteht ein Stück, das tief berührt.

 

„Auslöser für das Stück waren zwei Begegnungen: Die eine morgens um neun zufällig auf der Straße mit einem Rechtsanwalt aus dem Freundeskreis, der mich darauf ansprach, ob ich mir nicht vorstellen könnte, etwas über illegale Einwanderer in Deutschland zu schreiben - … Mit den Verhältnissen in den [Abschiebe-] Gefängnissen habe ich mich dann tatsächlich genauer beschäftigt, fand es aber zu komplex, die unterschiedlichen Hintergründe - … - in einem einzigen szenischen Rahmen abzubilden. Diese Schwierigkeiten führten zu der entscheidenden Überlegung: Wie kann man als deutscher Theatermacher diesem Thema gerecht werden? Eine schwierige, aus meiner Sicht mit den normalen Theatermitteln so nicht zu lösende Aufgabe“ (Roland Schimmelpfennig)

 

Roland Schimmelpfennig, geboren 1967, ist mit 27 Stücken seit 1996 der derzeit meistgespielte Gegenwartsdramatiker Deutschlands. „Der goldene Drache“ ist das deutschsprachige Stück des Jahres 2010, vom Autor als Regisseur in Szene gesetzt am Wiener Burgtheater. Seine Stücke werden in über 40 Ländern aufgeführt. In der Spielzeit 2002/2003 wird am Schauspiel des Badischen Staatstheaters Karlsruhe sein Stück „Vorher/Nachher“ in der Regie von Donald Berkenhoff erfolgreich gezeigt.

 

Regie: Robin Telfer | Bühne: Siegfried E. Mayer | Kostüme: Tanja Liebermann | Musik: Nina Wurman

 

Mit: Olaf Becker (Ein junger Mann, Der Großvater, ein Asiat, die Kellnerin, die Grille), Eva Derleder (Eine Frau über sechzig, die Enkeltochter, eine Asiatin, die Ameise, der Lebensmittelhändler), Barbara Behrendt (Eine junge Frau, der Mann mit dem gestreiften Hemd, ein Asiat mit Zahnschmerzen, der Barbiefucker), Hannes Fischer (Ein Mann über sechzig, ein junger Mann, ein Asiat, die zweite Flugbegleiterin), André Wagner (Ein Mann, die Frau in dem Kleid, ein Asiat, die erste Flugbegleiterin), Nina Wurman (Musikerin)

 

Weitere Vorstellungen: 19.3. und 26.2.2011

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 16 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

EXPLOSIVE KLANGMISCHUNG -- "Eine florentinische Tragödie" von Alexander Zemlinsky bei NAXOS (BR KLassik)

Nicht sonderlich erfolgreich geriet die Stuttgarter Uraufführung der einaktigen Oper "Eine florentinische Tragödie" von Alexander Zemlinsky im Jahre 1917 unter der Leitung von Max von Schillings. In…

Von: ALEXANDER WALTHER

Die ganze Wahrheit? -- „True Crime“ - Andrey Kaydanovskiy | Hege Haagenrud | Demis Volpi in der Deutschen Oper am Rhein

Drei tänzerische Perspektiven zu Wahrheit und Fiktion: Andrey Kaydanovskiy „Chalk“, Hege Haagenrud „The Bystanders“, Demis Volpi „Non-Fiction Études“  

Von: Dagmar Kurtz

SZENEN OHNE ILLUSIONEN -- "Tosca" von Giacomo Puccini in der Staatsoper Stuttgart

Kann Kunst unsere Wirklichkeit beeinflussen? Diese Frage steht als zentrales Thema im Zentrum der Inszenierung von Willy Decker, dessen Figuren sich in Puccinis "Tosca" in einem schwarzen Kasten…

Von: ALEXANDER WALTHER

RETTET DIE FRAUEN! -- Premiere "Zertretung" von Lydia Haider im Schauspiel Nord STUTTGART

Die 1985 in Oberösterreich geborene Lydia Haider hat hier einen radikalen Text vorgelegt, der zuweilen an Rainald Goetz erinnert. Die zentrale Frage lautet: Wie geht man mit einem System um, das…

Von: ALEXANDER WALTHER

ATEMLOSE HÖHENFLÜGE -- SWR Symphonieorchester mit Busoni und Sibelius im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART

Zwei unterschiedliche Zeitgenossen standen diesmal im Zentrum: Jean Sibelius und Ferrucio Busoni. Immerhin weiß man, dass beide in Helsinki Schumanns Klavierquintett in Es-Dur gemeinsam musizierten.…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑