Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Großstadtklänge --- „Surrogate Cities“ von Demis Volpi in der deutschen Oper am RheinGroßstadtklänge --- „Surrogate Cities“ von Demis Volpi in der deutschen Oper...Großstadtklänge --- ...

Großstadtklänge --- „Surrogate Cities“ von Demis Volpi in der deutschen Oper am Rhein

Premiere im Opernhaus Düsseldorf, 26. April 2024

Auf der leeren Bühne finden sich nach und nach das Orchester, die Tänzer und Tänzerinnen ein. Die Solo Posaune setzt ein und der Zuschauer wird in den Trubel der Straßen einer Großstadt versetzt. Zum gleichnamigen Werk von Heiner Goebbels präsentiert Demis Volpi in Düsseldorf mit "Surrogate Cities" seine letzte Uraufführung für das Ballett am Rhein. Für seine Choreographie verwendet er sechs von sieben Teilen des Musikstückes.

Copyright: Bettina Stöß

Es ist keine zusammenhängende Erzählung, sondern einzelne, vielfältige Szenen, die den Kosmos Stadt, wie er sich auf den Straßen der Metropolen findet, widerspiegelt und der das urbane Leben mitunter poetisiert und ironisiert. Die Vielstimmigkeit der Stadt, die Geräusche der Menschen und Maschinen klingen verfremdet an. Auf den Straßen rennt man, geht an einander vorbei, begegnet sich, bewegt sich synchron und asynchron, reiht sich ein, geht sich aus dem Weg, kreuzt den Weg, verliebt sich, dreht durch. Individuum, Gruppen und Menschenansammlungen, zufälliges oder geplantes Zusammenfinden finden parallel statt. Zwischen Hektik und Geschwindigkeit gibt es auch Momente des Innehaltens, der Stille.

Das Individuum scheint als moderner Mensch in der Masse aufzugehen, anonym zu sein, und versucht sich durch außergewöhnliches Verhalten zu exponieren, aus den scheinbar repetitiven Verhaltensmustern auszubrechen. Mehrmals taucht ein Umzugskarton auf, Fremdheit und Heimat andeutend? Eine Frau mit übergroßer schwarzer Sonnenbrille erscheint immer wieder unvermutet, eine andere liebt Fächer. Eine Frau mit überlangem blondem Haar wird von ihren Begleitern schwebend durch die Straßenschluchten getragen. Eine Riese tritt auf. Ein Hutspiel, indem immer der eigene Hut an einen andern Kopf weitergereicht wird, findet statt. Papierflieger segeln aus der Höhe herunter. Nebel wie aus New Yorker U-Bahn-Schächten wabert über die Bühne, Menschen häufeln sich, quasi nackt, skulptural übereinander. Plötzlich raufen sich Männer und Frauen zusammen und positionieren sich bedrohlich vor einem Mann in der Mitte der ersten Zuschauerreihe, starren ihn bedrängend an, eine Umkehrung der Rollen von Akteuren und Zuschauern. Unsicherheit entsteht, die dann auch weiter irritiert als sie beginnen ihm Küsschen zuzuwerfen.

Mit den "Drei Horatier Songs" von Heiner Müller, vorgetragen von der Sopranistin Tamara Lukasheva, wird historisch auf einen Kampf zweier antiker Städte zurückgeblickt, der durch zwei der Gegnerparteien angehörenden, aber verwandtschaftlich verbundenen Männer als Surrogate für den Krieg der Armeen ausgetragen wird, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden, aber trotzdem eine individuelle Schuld zurücklässt.

Zum Abschluss verausgabt sich ein Mann, singend, tanzend, zuckend wie unter Strom stehend, dem ein rennendes Mädchen aufgefallen ist und der sich fragt, weshalb sie so rannte.

Zu Heiner Goebbels 1994 entstandenem, großartigem, vielstimmigem Werk "Surrogate Cities" mit Live Orchester und gesampelten Klängen, sowie mit Textbearbeitungen und Leseanregungen von Heiner Müller, Paul Auster, Franz Kafka und Hugo Hamilton hat Demis Volpi eine ebenso stimmige Choreographie kreiert, die sowohl in den quirligen großen Gruppenszenen, den intimeren Kleingruppen als auch in den diversen Soli und Pas de deux überzeugend das urbane Lebensgefühl widerspiegelt.

Ein sehr beeindruckendes Stück, das man eigentlich mehrmals sehen müsste, um es aufgrund seiner Komplexität in allen Fassetten erfassen zu können. Mit euphorischem Beifall wurden dann auch die überragenden Leistungen aller Mitwirkenden bedacht.

Musikalische Leitung: Vitali Alekseenok
Choreographie: Demis Volpi
Musik: Heiner Goebbels
Bühne: Katharina Schlipf
Kostüme: Thomas Lempertz
Licht: Elana Siberski
Dramaturgie: Julia Schinke
Sopran: Tamara Lukasheva
Soloposaunist: Matthias Muche
Akrobatin: Susanne Kahl

TänzerInnen:
Camilla Agraso, Paula Alves, Joaquin Angelucci, Yara Araujo De Azevedo, Daniele Bonelli, Yoav Bosidan, Jack Bruce, Gustavo Carvalho, Maria Luisa Castillo Yoshida, Wun Sze Chan, Lara Delfino, Orazio Di Bella, Sara Giovanelli, Philip Handschin, Futaba Ishizaki, Charlotte Kragh, Evan L'Hirondelle, Samuel López Legaspi, Nelson López Garlo, Norma Magalhães, Pedro Maricato, Miquel Martínez Pedro, Neshama Nashman, Clara Nougué-Cazenave, Rose Nougué-Cazenave, Marco Nestola, Emilia Peredo Aguirre, Ako Sago, Dukin Seo, Courtney Skalnik, Kauan Soares, Edvin Somai, Damián Torío, Andrea Tozza, Vinícius Vieira, Elisabeth Vincenti, Imogen Walters, Long Zou

Düsseldorfer Symphoniker

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 21 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

AUS DEM DUNKEL INS LICHT -- Neue CD: Die Würth Philharmoniker und Thomas Hampson (Bariton) bei hänssler Classic

Das dritte Album der Würth Philharmoniker unter der Leitung ihres Chefdirigenten Claudio Vandelli präsentiert den berühmten US-amerikanischen Bariton Thomas Hampson. Die Würth Philharmoniker, die auf…

Von: ALEXANDER WALTHER

NORDISCHE KLANGFARBEN -- Neue CD "Northern Colours" mit Felix Klieser (Horn) bei Berlin Classics erschienen

Im Zentrum des neuen Albums von Felix Klieser (Horn) steht das inspirierende Werk "Soundscape - A Walk in Colours" op. 118 von Rolf Martinsson, der 1956 in Schweden geboren wurde. Der Komponist hat…

Von: ALEXANDER WALTHER

DIE TOTEN KOMMEN WIEDER -- Premiere "Antigone. Ein Requiem" von Thomas Köck im Schauspiel Nord/STUTTGART

"Sag mir nur eins, was taugt der Frieden hier, wenn er Leichen an den Strand spült, was für ein Frieden soll das sein?" fragt Antigone ihren Gegenspieler Kreon. Wer übernimmt eigentlich Verantwortung…

Von: ALEXANDER WALTHER

MIT VERVE UND ESPRIT -- Neue 4-CD-Box beim Label Naxos erschienen: Berühmte Orchesterwerke und Walzer von Johann Strauss II

Das Slowakische Staatliche Philharmonische Orchester, das Slowakische Radio Sinfonieorchester, das Polnische Staatliche Philharmonische Orchester Katowicze und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien…

Von: ALEXANDER WALTHER

DIVERSE LACHVARIATIONEN -- Kabarett mit Eva Eiselt im Kleinkunstkeller BIETIGHEIM-BISSINGEN

Putin, Trump und Kaiser Wilhelm I. möchte sie am liebsten unter Denkmalschutz stellen lassen. Die Kabarettistin Eva Eiselt erhielt nicht nur den Deutschen Kabarettpreis, sondern auch den goldenen…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑
StartseiteBeiträgeKritikenHintergründeTheatermacherServiceFachbegriffeSuche