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FASZINIERENDES BASSFUNDAMENT -- Neue CD mit Werken von Sofia Gubaidulina bei Orfeo erschienen

September 2024

Die in Tschistopol (Tatarstan) aufgewachsene Sofia Gubaidulina ist inzwischen über 90 Jahre alt und wurde von Dimitri Schostakowitsch gefördert. Neben Edison Denissow und Alfred Schnittke gehörte sie zu den führenden Vertretern der Neuen Musik in der Sowjetunion. Ihr Violinkonzert "In tempus praesens" schrieb sie 2007 für Anne-Sophie Mutter. Sie entdeckte Ende der 70er Jahre die besonderen Klangeigenschaften des Knopfakkordeons Bajan und machte dieses Instrument bekannt.

Copyright: Orfeo

Das vorliegende Album präsentiert nun ihr interessantes Tripelkonzert für Violine, Cello und Bajan - angelehnt an das berühmte "Tripelkonzert" von Ludwig van Beethoven. An die Stelle des Klaviers tritt hier das Bajan. Sofia Gubaidulina möchte Beethoven dabei keineswegs imitieren - es gibt harmonisch auch keine direkten Assoziationen. Anklänge finden sich eher an Schostakowitsch. Zusammen mit der exzellenten NDR Radiophilharmonie unter der inspirierenden Leitung von Edward Manze ist nun mit Baiba Skride (Violine), Harriet Krijgh (Cello) und Elsbeth Moser (Bajan) eine sehr klangintensive und spannungsreiche Aufnahme dieses Werkes entstanden.

Fesselnd sind dabei vor allem die elektrisierend interpretierten Intervalle, die das Klanggerüst in reizvoller Weise umschließen. Neben der Dreiteiligkeit der Form bestechen insbesondere Dreiklänge und parallele Terzlinien. Dynamische Kontraste faszinieren dabei mit einer immensen klanglichen Kraft, die vor allem auch auf das gewaltige Bassfundament  ausstrahlt. Das Bajan ist hier auch mit suggestiven Clusterklängen zu hören. Elf chromatische Halbtöne zeigen starke Präsenz. Am Ende steht ein Akkord mit sich allmählich vergrößernden Intervallen. Nach dem Cluster-Anfang des Bajans setzt zunächst das Cello und dann die Violine ein, flirrende Läufe und Dur-Akkorde folgen. Melodisch und rhythmisch werden verschiedene Formen variiert, man denkt zuweilen auch an ein Seufzermotiv. Neben dem Glissando-Cluster im Bajan beeindrucken die Tremoli der Streicher sowie eine rasante Quintolen- und Sextolenbewegung. Dur- und Mollakkorde fahren dazwischen, Posaunen und Schlagzeug verstärken vehement die Akustik.

Die anschließend aufgenommene Duokomposition "Freue dich!" für Violine und Violoncello aus dem Jahr 1981 entführt den Hörer dann in Sofia Gubaidulinas Moskauer Zeit. Hier hat sie zu ihrer persönlichen musikalischen Sprache gefunden. Das Werk bezieht sich auf die Schriften des ukrainischen Wanderphilosopnen Grigori Skoworoda. Die einzelnen Sätze verbinden sich übrigens auch mit der lateinischen Messe-Liturgie mit den Sätzen Kyrie, Gloria, Credo, Agnus Dei und Deo Gratias. Der erste Satz wird mit einem Violonsolo eröffnet, im zweiten Satz wetteifern beide Instrumente miteinander. Bei "Freue dich, Rabbi" erreichen die dynamischen Kontraste einen eindringlich-bewegenden Höhepunkt. Der vierte Satz mit dem Titel "Nun ist er in sein Haus zurückgekehrt" markiert einen Ruhepunkt. Das Werk endet verklärt-sphärenhaft mit einem irisierend-hellen Dur-Akkord im Flageolett. Baiba Skride und Harriet Krijgh unterstreichen die besondere Klangsprache Sofia Gubaidulinas in hervorragender Weise.

Eine sehr empfehlenswerte Aufnahme.
 

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