
Pädagogische Maßnahmen vergangener Zeiten führten neben dem erwünschten Effekt wohl nicht selten auch zu Alpträumen, bei sensiblen Kindern allzumal. Die Geschichte vom Sandmann, der den Kindern Sand in die Augen streut, damit sie müde sind und zu Bette gehen, bekommt in E.T. A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann" durch die Kinderfrau eine grausame Pointe: der Sandmann streut solange Sand, bis die Kinderaugen blutig aus dem Kopfe springen, dann verfüttert er sie an seine Brut.
Nathanel, der Held der Erzählung, bildet sich ein, dass Coppelius, der abendliche, polternde Besucher seines Vaters, der Sandmann sei. Als der Vater bei alchemistischen Versuchen mit Coppelius tödlich verunglückt, kommt es zur psychischen Krise. Durch ein sprachliches Missverständnis und die Namensähnlichkeit wird das Kindheitstrauma beim Studenten Nathanel aktiviert, als ihm der Wetterglasverkäufer Coppola Brillen als "sköne Oken" verkaufen will und zudem seine Wohnung abbrennt. Später kauft er ihm ein Perspektiv ab, mit dem er die schöne Olimpia im Haus gegenüber beobachtet. Vor Liebe blind, nimmt er nicht wahr, dass es sich bei ihr um eine mechanische Puppe handelt. Dem Wahnsinn verfallen, versucht er seine Verlobte Clara von einem Turm zu stürzen, kommt aber dabei selbst zu Tode.
Robert Wilson setzt in seiner Inszenierung für das Düsseldorfer Schauspielhaus diese romantische Schauergeschichte nicht naturalistisch oder psychologisierend um, sondern filtert die Leitmotive heraus und bedient sich einiger Versatzstücke, die oftmals wiederholt werden. Für den unbedarften Zuschauer ergibt sich erst nach und nach der Sinn, und so wird er in die gleiche Lage wie der kindliche Nathanel versetzt, der sich aus seinen Wahrnehmungen und seiner Phantasie die "Wirklichkeit" zusammenreimt.
Eingestimmt in Robert Wilsons bildmächtige Welt wird der Zuschauer sobald er den Theatersaal betritt: drei Pantomimen stehen auf der Bühne und drehen als mechanische Spielfiguren ihre Runde: ein kleiner Trompeter, Olimpia, der Sandmann im Bett. Und dann beginnt ein großer Theaterzauber. Robert Wilson schafft eine ganz eigene ästhetische Welt mit Anlehnung an den Stummfilm, das Marionettentheater, die Pantomime von mechanischen Spielfiguren.
Eklektische steife Frisuren à la Max und Moritz, weiß geschminkte Gesichter, an das Biedermeier angelehnte Kostüme. Die Schauspieler als biedermeierliche Scherenschnittsilhouetten in Caspar-David Friedrich-Landschaft. Man trifft sich zwischen hohen giftgrünen Gartenhecken. Spitzentanz und eckige durchchoreographierte Bewegungen. Rocklieder von Anna Calvi, alle Geräusche potenziert, dazu Wiederholungen von Sprachfloskeln und Lautäußerungen wie Gekreisch und Gelächter, laut und schrill. Angst, die sich dahinter versteckt. Willkommen zwischen Magie, Alptraum und Wahnsinn!
Vielfache Augen auf dem Theaterprospekt, der Mond als Augapfel: ausgehend vom Leitmotiv der Erzählung, den Augen, hat Robert Wilson die Assoziationen die sich damit verbinden, (wie schöne Augen machen, jemandem die Augen verdrehen, vor Liebe blind sein, aber auch die Augen als Mittel der Wahrnehmung) zum visuellen, und - durch die Lautstärke aller Äußerungen - auch zum körperlichen Erlebnis für den Zuschauer gemacht.
Die überaus exakte Umsetzung oblag einem starken Ensemble: Christian Friedel als stimmgewaltigem, struwelpetrigen Nathanel, Rose Enskat als Mutter mit bizarrer Komik, André Kaczmarczyk als schrägem Sandmann, Yi-An Chen als starrer Olimpia, die ob ihrer reduzierten Sprach- und Bewegungsmöglichkeiten offenbar die ideale Projektionsfläche von Nathanels Wünschen bietet, und Andreas Grothgar als magischem Coppelius. Zum Schluss gab es enthusiastischen Applaus für ein alle Sinne betörendes Kunstwerk.
Nathanael: Christian Friedel
Clara: Lou Strenger
Lothar: Jonas Friedrich Leonhardi
Vater: Rainer Philippi
Mutter: Rosa Enskat
Coppola/Coppelius: Andreas Grothgar
Spalanzani: Konstantin Lindhorst
Olimpia: Yi-An Chen
Siegmund: Alexej Lochmann
Sandmann: André Kaczmarczyk
Band: Zuzana Leherová (Violine, Keyboard), Radek Stawarz (Viola), Nathan Bontrager (Cello), Bernd Keul (Kontrabass, E-Bass), Annette Maye (Klarinette, Bassklarinette), Achim Fink (Tuba, Posaune), Roger Schaffrath (Gitarre, Mandoline), Tim Dudek (Schlagzeug, Electronics), Frank Schulte (Sounddesign)
Regie, Bühne, Licht: Robert Wilson
Musik, Lyrics: Anna Calvi
Kostüm: Jacques Reynaud
Mitarbeit Regie: Ann-Christin Rommen
Mitarbeit Bühne: Annick Lavallée-Benny
Mitarbeit Kostüm: Alexander Djurkov Hotter
Make-up-Design: Manu Halligan
Mitarbeit Licht: Scott Bolman
Video: Tomasz Jeziorski
Musikalische Leitung: Jherek Bischoff
Dramaturgie: Janine Ortiz
Originalpartitur, Orchester-Arrangements, zusätzliche Musiken: Jherek Bischoff
Textfassung: Janine Ortiz
Premiere 20.5.2017, 19:30 im Schauspielhaus