Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
DAS AUFBLÜHEN VON TRÄUMEN - "Der Nussknacker" mit dem Stuttgarter Ballett in der Staatsoper Stuttgart DAS AUFBLÜHEN VON TRÄUMEN - "Der Nussknacker" mit dem Stuttgarter Ballett in...DAS AUFBLÜHEN VON...

DAS AUFBLÜHEN VON TRÄUMEN - "Der Nussknacker" mit dem Stuttgarter Ballett in der Staatsoper Stuttgart

am 17. Dezember 2023

Walnüsse stehen bei dieser eindrucksvollen neuen Choreographie von Edward Clug nach der Erzählung von E. T. A. Hoffmann im Mittelpunkt der Handlung. Für den Weihnachtsmarkt erfindet er ein relativ nüchternes Ambiente, wobei allerdings ein Weihnachtsbaum machtvoll hervorblitzt.

Copyright: Stuttgarter Ballett

Im Haus der Familie Stahlbaum schmücken Clara, ihr Bruder Fritz und die Eltern diesen Weihnachtsbaum. Claras und Fritz' Patenonkel Drosselmeier erzählt den Kindern die Geschichte seines Neffen, der vom bösen Mausekönig in einen Nussknacker verwandelt wurde. Drosselmeier überreicht Clara ihr Weihnachtsgeschenk - einen Nussknacker. Im Bühnenbild und den Kostümen von Jürgen Rose verschwindet zwar die legendäre Choreographie von Marius Petipa, doch der märchenhafte Zauber kann sich trotzdem ganz allmählich entfalten. Als der böse Mausekönig mit seiner Mäuseschar plötzlich erscheint, kann sich auch die geheimnisvolle Aura von Hoffmanns Erzählung offenbaren. Clara ruft alle ihre Spielzeuge, um dem bedrängten Nussknacker zu helfen. Sie besiegt den Mausekönig und verarztet den verwundeten Nussknacker. Mit einem Hammer wird die Walnuss zerschlagen.

Im zweiten Akt treten die riesigen, geheimnisvollen Walnüsse immer größer in Erscheinung. Es ist wie das wunderbare Aufblühen von Träumen. Allerdings ist der Nussknacker während dieser großen Reise  verschwunden. Clara und Drosselmeier machen sich auf die Suche nach ihm. Clara trifft auf alle ihre Spielsachen und fragt sie, wo der Nussknacker ist. Sie hat plötzlich eine Vision und findet schließlich Drosselmeiers Neffen, den verzauberten Nussknacker.  Ihre Liebe hat ihn vom Fluch des Mausekönigs  befreit. Das Liebespaar verschwindet jetzt in einer großen Walnussschale. Und Drosselmeier sinnt zuletzt nochmals über die gesamte Handlung nach.

Das Mädchen Clara steht bei Edward Clug und Jürgen Rose eindeutig im Zentrum des Geschehens. Clara wird von Anna Osadcenko mit wunderbarer Leichtigkeit getanzt. Jürgen Rose hat Spielzeuge für Clara gezaubert, die für Edward Clug zur Inspiration wurden. Den Nussknacker beziehungsweise Drosselmeiers Neffen tanzt David Moore mit starker Präsenz.  Miniaturfiguren von Käfern, Toreros und Schmetterlingen bevölkern die Bühne. Die harte Schale der Walnüsse erinnert hier an einen menschlichen Schädel und das Innere an ein Gehirn. Die Spielzeuge entspringen dabei wie eine Wundertüte. Der Nussknacker ist in dieser Choreographie in einem hölzernen Panzer gefangen, dennoch verliebt sich Clara in ihn. Ciro Ernesto Mansilla gestaltet Claras Patenonkel Drosselmeier mit akribischer Nonchalance. Claras Fähigkeit, den vermeintlich hässlichen Nussknacker zu lieben, stellt für Edward Clug bei dieser Choreographie ein zentrales Motiv dar. Und am Ende heiratet sie ihn, da sie in ihm den Neffen ihres Patenonkels erkennt.

Das Staatsorchester Stuttgart musiziert unter der Leitung von Mikhail Agrest wie aus einem Guss. Vor allem die melodischen Einfälle blühen leidenschaftlich auf. Leichtigkeit und Unbeschwertheit kennzeichnet die von den Tänzerinnen und Tänzern reizvoll gestaltete "Ouvertüre miniature". Klarinetten, Trompeten, Hörner und Streicher gestalten graziös den kleinen Marsch. Der Achttakter wird in vielen Wiederholungen facettenreich variiert und von der Kompagnie virtuos aufgegriffen. Und der silbrige Celestaklang beim "Tanz der Fee Dragee" wirkt verzaubernd. Feurig derb kommt dann der "Trepak" daher, der in einem wilden Wirbel endet. Melancholisch bewegt erscheint der "Arabische Tanz" mit den Variationen über dem monotonen Quintenbass, auch hier glänzt das Stuttgarter Ballett in fulminanter Weise. Im "Chinesischen Tanz"  stehen die schrillen hohen Lagen der Flöten zierlichen Pizzicati gegenüber, die das Stuttgarter Ballett facettenreich aufgreift.  Das Kopfwackeln der kleinen Pagoden sticht facettenreich hervor. Graziös erscheint der "Tanz der Mirlitons" mit seinen kleinen Schleifern und Vorschlägen, die die Tänzerinnen und Tänzer in vielen Nuancen und Pirouetten sensibel nachzeichnen. Und auch der wunderbare Blumenwalzer steigert sich hier zu machtvoller Größe.

Der Winterzauber der Kindheit, der Duft weihnachtlicher Backstuben und das leise Rieseln des ersten Schnees im Glanz der Sterne scheint hier immer präsent zu sein. Ein weiterer Höhepunkt ist der große Pas de deux von Clara und dem Nussknacker. In weiteren Rollen gefallen Clemens Fröhlich als Medizinalrat Stahlbaum, Joana Romaneirao Kim als Frau Stahlbaum, Alessandro Giaquinto als Fritz, Matteo Crockard-Villa als Großvater sowie Sonia Santiago als Großmutter. Riccardo Ferlito als Oberbürgermeister, Juliane Franzoi las Frau Oberbürgermeister, Christopher Kunzelmann als Offizier, Alicia Torronteras als Frau Offizier, Daniele Silingardi als Doktor, Aiara Iturrioz Rico als Frau Doktor, Fabio Adorisio als Juwelier, Adrian Oldenburger als Pfarrer, Giulia Frosi als Künstlerin, Eva Holland-Nell als Witwe sowie Adrien Hohenberg, Leon Metelsky, Maceo Gerard (Hausdiener) sowie Ruth Schultz, Katharina Buck und Yana Peneva (Dienstmädchen) ergänzen das Ensemble in bewegender Weise.

Zuletzt Jubel und begeisterter, tosender Schlussapplaus.
 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 23 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

AUS DEM DUNKEL INS LICHT -- Neue CD: Die Würth Philharmoniker und Thomas Hampson (Bariton) bei hänssler Classic

Das dritte Album der Würth Philharmoniker unter der Leitung ihres Chefdirigenten Claudio Vandelli präsentiert den berühmten US-amerikanischen Bariton Thomas Hampson. Die Würth Philharmoniker, die auf…

Von: ALEXANDER WALTHER

NORDISCHE KLANGFARBEN -- Neue CD "Northern Colours" mit Felix Klieser (Horn) bei Berlin Classics erschienen

Im Zentrum des neuen Albums von Felix Klieser (Horn) steht das inspirierende Werk "Soundscape - A Walk in Colours" op. 118 von Rolf Martinsson, der 1956 in Schweden geboren wurde. Der Komponist hat…

Von: ALEXANDER WALTHER

DIE TOTEN KOMMEN WIEDER -- Premiere "Antigone. Ein Requiem" von Thomas Köck im Schauspiel Nord/STUTTGART

"Sag mir nur eins, was taugt der Frieden hier, wenn er Leichen an den Strand spült, was für ein Frieden soll das sein?" fragt Antigone ihren Gegenspieler Kreon. Wer übernimmt eigentlich Verantwortung…

Von: ALEXANDER WALTHER

MIT VERVE UND ESPRIT -- Neue 4-CD-Box beim Label Naxos erschienen: Berühmte Orchesterwerke und Walzer von Johann Strauss II

Das Slowakische Staatliche Philharmonische Orchester, das Slowakische Radio Sinfonieorchester, das Polnische Staatliche Philharmonische Orchester Katowicze und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien…

Von: ALEXANDER WALTHER

DIVERSE LACHVARIATIONEN -- Kabarett mit Eva Eiselt im Kleinkunstkeller BIETIGHEIM-BISSINGEN

Putin, Trump und Kaiser Wilhelm I. möchte sie am liebsten unter Denkmalschutz stellen lassen. Die Kabarettistin Eva Eiselt erhielt nicht nur den Deutschen Kabarettpreis, sondern auch den goldenen…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑
StartseiteBeiträgeKritikenHintergründeTheatermacherServiceFachbegriffeSuche