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"Dorian" von Darryl Pinckney und Robert Wilson im Düsseldorfer Schauspielhaus

Die Essenz zweier realer und eines fiktiven Lebens werden in dem Theaterstück "Dorian" von Darryl Pinckney und Robert Wilson miteinander verknüpft: die des Malers Francis Bacon, des Autors Oscar Wilde und seines Protagonisten Dorian aus dem Roman "Bildnis des Dorian Gray". Das passt gut, neigten doch alle drei zur Exzentrik und ausgeprägtem Narzissmus im Klischee des Dandys eingefangen.

Copyright: Lucie Jansch

Das erste Bild zeigt ein chaotisches, zugemülltes Maleratelier in Anlehnung an das tatsächliche Atelier von Francis Bacon bis hin zu Spiegel und üppigen Papierknäulen auf dem Fußboden. Düster und unheimlich wirkt es, zunächst nur spärlich beleuchtet. Licht und Schatten, Helligkeit und Dunkelheit, schwarz und weiß, das ist auch Wilsons Designkonzept und wird auch in der Kleidung des Dorian durchgeführt, entweder in schwarzem Mantel mit schwarzem Hut, an den Mann ohne Schatten erinnernd, oder ganz in weißem Entertainment-Anzug, einzig ein einzelner Handschuh wagt sich einmal in gegenläufiger Farbe heraus.

Dorian altert nicht, das übernimmt sein gemaltes Portrait, er bleibt jung und schön. Wie alle widernatürlichen Übereinkommen kann auch dieses nicht gutgehen. Er fällt damit aus der Gesellschaft heraus, ist dem Menschsein entfremdet, zu dem ja auch die Vergänglichkeit und das Mitgefühl gehört. Wir sehen ihn hier an dem Punkt der Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe, gefangen im Gehirnkasten. In seinem Redestrom kehren immer die gleichen Motive wieder, so vergleicht er sich oftmals mit einer alley cat, einer Straßenkatze. Vergangenes, Erinnerungssplitter, Reflexionen tauchen auf. Verständliches lässt sich nicht aus dem verschwurbelten Text herauslesen, der Zuhörer ist gezwungen, sich ebenfalls Assoziationen hinzugeben. Mehrfach zitiert Dorian den Satz "Kein Tag verging ohne dass der Fall in den Zeitungen erwähnt wurde". Ein Satz, der sich sowohl auf den fiktiven Tod von Dorians Ex-Verlobter Sibyl, die nach seiner Zurückweisung Selbstmord beging, und der in den fiktiven Gazetten lange Zeit thematisiert wurde, als auch auf den realen Selbstmord von Bacons Geliebtem George Dyer beziehen kann.

Die Wiederholung von Sätzen setzt sich auch in den manierierten Gesten fort. Und Geräusche wie das zusammenzuckend lassende überlaute Knallen einer Stahltür, das Sirenengeheul New Yorker Notdienste wiederholen sich. Alles ist durchchoreographiert bis hin zum klappernden Wimpernschlag und dient der Selbststilisierung einer Künstlerpersönlichkeit. Gegen die Verzweiflung bäumt Dorian sich in showhaften Gesangs- und Tanzeinlagen auf, durch glorreiche Auftritte aus Samtportieren heraus, ein wirkliches Schweben im Bühnenhimmel, eine Selbstbespiegelung im Dreifachspiegel. "I rise up and I walk with myself" steht dann auch Schwarz auf Weiß auf dem Bühnenvorhang. Das ist schaurig-schön.

Christian Friedel darf als Dorian eine opulente One-Man-Show abziehen und setzt das Konzept von Robert Wilson überaus beeindruckend und perfekt um, da stimmt jedes Timing, da sitzt jede Geste. Eine überregende Leistung, die enthusiastischen Anklang beim Publikum fand.

Besetzung
Dorian: Christian Friedel
Dorians Schatten: Jeremia Franken
Stimme im Radio: Darryl Pinckney
Konzept, Regie, Bühne, Licht: Robert Wilson
Kostüm: Jacques Reynaud
Originalkomposition: Woods of Birnam
Ko-Regie: Ann-Christin Rommen
Ko-Bühnenbild: Stephanie Engeln
Ko-Lichtdesign: Marcello Lumaca
Video: Tomasz Jeziorski
Make-Up-Design: Manu Halligan
Ko-Kostüm: Louise B. Vivier
Sound-Design: Torben Kärst
Dramaturgie, musikalische Beratung: Konrad Kuhn

Text von Darryl Pinckney nach Motiven von Oscar Wilde — aus dem Englischen von Konrad Kuhn
Uraufführung am 9. Juni 2022 — Schauspielhaus, Großes Haus
Eine Produktion des Düsseldorfer Schauspielhauses in Koproduktion mit dem National Kaunas Drama Theater und dem Staatsschauspiel Dresden

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