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BÜHNENZAUBER IM KONFETTI-REGEN -- Gastspiel: Rossinis "Barbier von Sevilla" mit dem Theater Heidelberg im Theater Heilbronn

am 2.3.2024

Dass Gioacchcino Rossini auch ein Gourmet war, ist weithin bekannt. Seine "Maccheroni alla napoletana" gelten bis heute als große Spezialität und gastronomischer Hit. Dasselbe kann man von seiner im Jahre 1816 in Rom uraufgeführten Oper "Der Barbier von Sevilla" sagen, die jetzt mit dem Theater Heidelberg in Heilbronn zu sehen war.

 

Copyright: Susanne Reichardt

Die Regisseurin Inga Levant (Bühne und Kostüme: Petra Korink) stellt in der Aufführung die komischen Elemente grell heraus. Das Aufeinandertreffen zweier Welten zeigt sich in vielen Facetten. Der Generationenkonflikt wird so auf die Spitze getrieben. Es geht um einen alten Mann, der ein junges Mädchen will, aber nicht um ihretwillen, sondern wegen Geld. Und dann gibt es da noch eine Gruppe junger Menschen, die unter einer Decke stecken und gegen ein korruptes System aufbegehren. Die Protagonisten fahren dabei teilweise sogar mit einem Flugzeug auf die Bühne, dazu gibt es Tiermasken wie den Albatros, die Schildkröte, den Eisbären, den braunen Bären, den Elefanten viele Haifische sowie ein Hund und Flamenco.

Manchmal erinnert die Regisseurin auch an den Zauber der Commedia dell'arte. Neben Molier'schem Humor blitzen die zwanghaft-egozentrischen Charaktere immer wieder auf. Inga Levant bezieht sich  in ihrer farbenreichen Inszenierung auf das berühmte nonsense-Gedicht "Jabberwocky" von Lewis Carroll mit wirr zusammengesetzten Worten und keiner perfekten Syntax. Die Situationen, die Rossini schafft, werden in der ungewöhnlichen Inszenierung immer dichter, größer und wieder kleiner. Da spricht die Bildsprache der Surrealisten - die Außenwelt wird zum zweidimensionalen Prospekt, die an Werke von Joan Miros und Wassily Kandinsky erinnern. Zum dreidimensionalen Raum mutiert schließlich Bartolos Wunderkammer, die an Rene Magritte oder Salvador Dali gemahnt. 

Graf Almaviva möchte durch ein Ständchen die Aufmerksamkeit seiner angebeteten Rosina erlangen, die mit ihrem Vormund Doktor Bartolo neu in Sevilla lebt. Verkleidet als betrunkener Soldat soll der Graf mithilfe eines Quartierscheins Unterkunft im Haus bekommen. Es gelingt ihm, sich als Lindoro Rosina zu erkennen zu geben. Der Streit mit dem Hausherrn endet in einem  Tumult, bis die Stadtwache kommt. Nur durch Bestechung entgeht der Graf seiner Festnahme, was in der Inszenierung grotesk zum  Ausdruck kommt.

Im zweiten Akt möchte Almaviva erneut zu Rosina gelangen - diesmal als Musiklehrer Don Alonso. Das Chaos bricht aus, als der krank geglaubte Don Basilio auftaucht. Auf der Bühne wird es immer wilder und bunter - bis hin zu Konfetti-Regen. Als Figaro und Almaviva Rosina zur Flucht verhelfen wollen, möchte sich diese aber nicht darauf einlassen. Almaviva offenbart sich schließlich selbst als Graf, worauf Rosina ihm neues Vertrauen schenkt. Die Irrungen und Wirrungen kulminieren. Basilio tritt mit einem Notar ein, der genötigt wird, das Paar umgehend zu vermählen. 

Trotz kleinerer Abstriche besitzt diese einfallsreiche Inszenierung viel fulminanten Spielwitz. Auch musikalisch kann sie weitgehend überzeugen. Unter der impulsiven Leitung von Paul Taubitz musiziert das Philharmonische Orchester Heidelberg wie aus einem Guss, lässt in reizvoller Weise alle Motive aufblitzen und unterstreicht den rasanten Charakter der Opera buffa. Der Zauber mediterranen Geistes zeigt sich in bewegender Weise. Dabei wird hier auch viel zitiert - von Mozarts "Zauberflöte" bis zu Wagners "Walkürenritt". Sogar die atonale Moderne im Stile Schönbergs feiert Triumphe, was allerdings etwas übertrieben erscheint. Dieser kuriose musikalische Karneval endet mit "Besame Mucho" und "La Cucaracha".

Figaros Auftrittsarie "Ich bin das Faktotum der schönen Welt" imponiert mit dem sonoren Bariton Ipca Ramanovic aufgrund gesanglicher Beweglichkeit. Wilfried Staber (Bass) verleiht Basilios berühmter Verleumdungsarie mit vehementer Crescendo-Steigerung Format. Weitere Höhepunkte sind hier das großräumg angelegte Finale. Neben dem Begrüßungsduett "Glück und Huld, mein Herr, zum Gruße" besticht auch das gewitzte Quintett "Wie, Basilio?" Joao Terleira (Tenor) verleiht gleich zu Beginn Almavivas Arie viele farbenreiche Belcanto-Verzierungen. Alles geht hier aus dem lyrisch-sehnsüchtigen  in einen bewegt-hoffnungsfrohen Teil über. Immer wieder neue melodische Phrasen und Modulationen lassen das Wesen Figaros aufleuchten.

Eine ausgezeichnete Leistung bietet Katarina Morfa (Mezzosopran) als Rosina. Rossini hat diese Partie eigentlich für eine Mezzosopranistin mit Koloratur geschrieben, denn seine spanische Frau Isabel Colbran war eine solche. Später sangen diese Partie auch viele Sopranistinnen (so etwa Erika Köth). Koloraturen, Verzierungen und Läufe blühen nicht nur bei der Wiedergabe der E-Dur-Arie auf, der die deutsch-kubanische Mezzosopranistin Katarina Morfa Glanz verleiht. In weiteren Rollen fesseln  Stefan Stoll als gewiefter Doktor Bartolo, Nelly Palmer als überforderte Haushälterin Berta sowie Dimitrios Karolidis als Fiorillo und Offizier. Der Herrenchor des Theaters und Orchesters Heidelberg meistert seine Partien kraftvoll. Schon bei der Ouvertüre  lässt Paul Taubitz das Orchester dezent musizieren. Das atemlos hereinbrechende Hauptthema kann sich so voll entfalten.

Auch die lustig-selbstbewusste Melodie der Bläser überzeugt. Die Harmonik bestzt einen vorwärtsdrängenden Impetus. Begeisterung des Publikums und viele "Bravo"-Rufe für eine Aufführung, die sogar den "Hochzeitsmarsch" aus Mendelssohns "Sommernachtstraum" verwendete. 

 

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