Die milde Trauer überdeckt dabei die Schrecken des "Dies irae", alles klingt mit einem friedvollen "Wiegenlied des Todes" aus. Sechs der sieben Sätze sind in langsamen Tempi gehalten, die Georges Pretre mit dem Orchester fast sphärenhaft auskostet. Das "Libera me" wirkt ungleich dramatischer wie die anderen Sätze. Immer wieder sticht die sonore Charakterisierungskunst des Baritons Francois Le Roux hervor. Dynamische Fortissimo-Kontraste zeigen sich vor allem im ersten Satz.
Der Unisono-Beginn des Orchesters wirkt ausgesprochen geheimnisvoll. Die strahlkräftige Intonation des Südfunk-Chors (heute SWR-Vokalensemble) und des Chors der Württembergischen Staatstheater Stuttgart kommt bei dieser Aufnahme gut zur Geltung, wobei das "Te decet" in den Sopranen geradezu hymnisch aufstrahlt. Pretre arbeitet auch bei den anderen Sätzen den typischen "Wiegenlied"-Charakter überzeugend heraus. Zart erscheinen die Arpeggien der Harfe im "Sanctus", die ein Wechselspiel mit den Sopranen und den Männerstimmen des Chores beginnen. Francoise Pollet (Sopran) gestaltet das innige Solo "Pie Jesu" im vierten Satz voll bewegender Ausdruckskraft. Die klangliche Balance bleibt hier immer gewahrt.
Übersteigerte Chromatik sowie berührende Schlichtheit in Harmonie und Melodie beherrschen Francis Poulencs "Gloria", das Pretre mit dem konzentriert agierenden Ensemble durchaus vital und elektrisierend interpretiert. Das markante, fanfarenartige Motiv im Orchester setzt sich bei dieser Wiedergabe sehr konsequent durch. Das G-Dur der Grundtonart behauptet sich machtvoll, fast magisch - und alles endet in einem fahl wirkenden h-Moll-Akkord, wobei Georges Pretre genau auf dezente Klangfarben achtet. Selbst das Kapriziös-Unterhaltsame, Tänzerisch-Lockere dieser Musik wird von Pretre nie verleugnet. Die von Mozart und Scarlatti inspirierten Momente treten immer wieder facettenreich hervor. Frische und Natürlichkeit dominieren und beherrschen auch das Sopransolo von Francoise Pollet. Die markante Rhythmik des zweiten Satzes "Laudamus te" zeigt den Einsatz des Chores sehr energisch. Tänzerisch wirkt das Scherzo. Die langsamen Moll-Sätze drei und fünf bieten dann starke dynamische Kontraste. Die fast barocke Aria des dritten Satzes erinnert an Strawinsky und den Neoklassizismus.
Doch nichts wird bei dieser Einspielung aus dem Jahre 1997 im Dom zu Speyer übertrieben. Das wunderbar fließende Melos des "Qui tollis peccata mundi" arbeitet Pretre sehr intensiv heraus. Die klangliche Einheit bleibt immer gewahrt. Empfehlenswert.


