Die Handlung führt nach Kraus' eigenen Worten in hundert Szenen und Höllen, er hat immer wieder mit Originalzitaten gearbeitet. Ganz entfernt werden auch Parallelen zur aktuellen Politik von Donald Trump, zum Gaza-Konflikt und dem Ukraine-Krieg gezogen. Angesichts der unvorstellbaren Barbarei an der Front, der grausamen Ignoranz von Militär und Politik sowie der sensationslüsternen und beschönigenden Zeitungsberichterstattung schrieb Kraus in den Jahren 1915 bis 1922 seine monumentale Satire "Die letzten Tage der Menschheit" auch mithilfe von Originalzitaten. Nestroy, Offenbach, Shakespeare und Goethe haben hier Pate gestanden. Schmiedleitner denkt am Ende weiter, es sind auf Filmaufnahmen die Fahnenparaden der Nationalsozialisten und der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels erkennbar. Damit gibt er Karl Kraus Recht, der die berechtigte Sorge hatte, dass sich Deutschland und Österreich der eigenen Verantwortung und Schuld an diesem Weltenbrand nicht stellen werden. So sagt der Nörgler: "Die Welt geht unter, und man wird es nicht wissen. Alles was gestern war, wird man vergessen haben; was heute ist, nicht sehen, was morgen kommt, nicht fürchten..."
Das Stück beginnt auch hier mit dem Zeitungsausrufer: "Extraaausgabee - ! Ermordung des Thronfolgers!" Gemeint ist das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand durch einen Serben in Sarajevo im Jahre 1914, was den Ersten Weltkrieg auslöste. Danach laufen die einzelnen Szenen in atemberaubender Geschwindigkeit ab. In der gekürzten Fassung von Sophie Püschel und mit der betont walzerseligen Klaviermusik von Johannes Mittl entfaltet diese Tragödie in Heilbronn eine geradezu unheimliche Magie, die man nicht vergessen kann. Die Menschheit steht hier tatsächlich am zvilisatorischen Abgrund, am Schluss erscheinen Figuren mit Totenköpfen und groteske Männer in Frauenkleidern. Die Weltordnung wird so tatsächlich auf den Kopf gestellt. Dumpfer Ausländerhass und nationale Überheblichkeit triumphieren in erschreckender Weise. Der große Satiriker als geliebtes Stiefkind Gottes lässt sich dabei nicht verleugnen. Witz und Glaube wurzeln im Kontrast, was Schmiedleitner mit wirklich beissender Ironie herausarbeitet. Die grandiose Sprachgewalt dieses Textes entspringt laut Berthold Viertel tatsächlich aus der gegenwärtigen Realität. Der scheinbar heitere Beginn führt hier dann drastisch zur apokalyptischen Vision des Untergangs. Auch bei dieser Aufführung wird die platonische Idee dieser Figuren sichtbar - jene tieferen und verhängnisvollen Eigenschaften, die von allen Seiten zum Untergang drängen. Kraus sagt im Vorwort selbst: "Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen..."
Und doch ist dieses einzigartige Werk keinesfalls eine Dokumentation. Dazu besitzt es zu viel Theaterwirksamkeit. Es ist kein Bühnendrama, der Bühnenraum ist hier die menschliche Fantasie. Karl Kraus hat das Angebot von Reinhardt und Piscator, dieses Stück zu inszenieren, allerdings abgelehnt. Die mehr als zweihundert Szenen, die bei Schmiedleitner kräftig reduziert werden, erscheinen zunächst als ein Nebeneinander widerspruchsvoller Situationen, Gedanken, Stimmen. Durch die Wiederkehr der gleichen Motive wird so die Zusammengehörigkeit erfasst. Das durch das Kriegsgeschehen ständig veränderte Bild der Straße gelingt Schmiedleitner am besten. Alles wird naturalistisch festgehalten - bis hin zu Mord und Selbstmord. Die Tragik des Menschen brennt sich ins Gedächtnis. Die Herausgeber der "Neuen Freien Presse" erscheinen als "Schlachtenbanker", der ständig schnarchende Kaiser Wilhelm II. lallt im Rollstuhl unverständliche Worte. Selbst Kaiser Franz Joseph von Österreich erhält trottelhafte Züge. Der Vorwurf, das die Menschheit die Erlösung nicht genutzt habe, steht immer wieder deutlich im Raum. Und der Nörgler fügt hinzu: "Ich fasse Dokumente für eine Zeit, die sie nicht mehr fassen wird oder so weit vom Heute lebt, dass sie sagen wird, ich sei ein Fälscher gewesen..."
Insgesamt ist diese Inszenierung sehr wohl gelungen, einzig das Fehlen des wichtigen Epilogs ist zu kritisieren. Nils Brück als Wirt Anton Grüßer, Hofrat Schwarz-Gelber, Konsistorialrat Rabe, Kaiser Franz Joseph, Richard Feist als Kriegsberichterstatter, Reporter Füchsl, Fregattenleutnant und Irrsinniger, Oliver Firit als Riese, Feldkurat Anton Allmer, Kaiser Wilhelm II. und Generalstäbler, Pablo Guaneme Pinilla als General Conrad von Hötzendorf, Willichen, linker Kammerdiener und Psychiater sowie Tobias Loth als Kriegsberichterstatter, Reporter Feigl, Kompanieführer Hiller und Frontkamerad stechen darstellerisch absolut heraus. Doch auch die Frauen bieten ausdrucksvolle und originelle schauspielerische Leistungen. Judith Lilly Raab überzeugt als Lehrer Zehetbauer, Fotograf Skolik, Hofrätin Schwarz-Gelber und Elfriede Ritter, Michaela Schausberger fesselt als österreichischer General, Chramosta, Frau Kommerzienrat Wahnschaffe und Anna, Sophie Maria Scherrieble gefällt als Zwerg, Patriot, normaler Esser, Frau Bachstelz, Mariechen und Zagorski, Juliane Schwabe imponiert als die gewitzte Schalek. Ferner präsentieren Tobias D. Weber als Friseur, Leitnant Fallota, Regimentsarzt, Zivilist und Major Bambula von Feldsturm, Sebastian Weiss als Kaiserjägertod, Oberstleutnant Demmer Edler von Drahtverhau sowie Landwehrmann Lüdecke ansprechende Leistungen. So rast das gesamte Ensemble zwischen abgeschlagenen Köpfen und skurrilen Clownskostümen rasant in den Untergang.
Frenetischer Applaus und "Bravo"-Rufe eines beeindruckten Publikums.


