Es beginnt mit einem Disput zwischen den Göttinnen des Glücks und der Tugend. In Fortuna und Virtu erkennt das Publikum die Begriffe von Machiavellis Theorie politischer Macht. Poppea ist die schönste Frau Roms und sie will Kaiserin werden. Nerone ist ihr komplett verfallen und geht über den Widerspruch seines Beraters Seneca einfach hinweg. Auch seine Ehefrau Ottavia büßt ihre Rechte ein. In Ottone ist Poppea allerdings ein neuer Verbündeter erwachsen. Sie verlangt von ihm, Poppea zu töten - was misslingt. Ottone gibt den Namen der Anstifterin preis. Er und seine Freundin Drusilla kommen mit dem Leben davon. Am Ende wird Ottavia verbannt und Poppea und Nerone werden ein Paar.
Die Studierenden der Opernschule haben sich hier absolutes Neuland erobert. Macht, Leidenschaft und Sex am römischen Hof werden mit kopflosen Figuren in skurriler Weise auf die Spitze getrieben. Der einfallsreiche Textdichter Busenello stellt diese historischen Protagonisten sehr differenziert auf die Bühne. Die Ausstattung von Friedrich Eggert unterstreicht jedoch auch gewisse Bezüge zur Moderne. Die Sterbeszene des von Nerone verbannten Philosophen Seneca rückt ebenfalls stark in den Mittelpunkt. Er verschwindet mit Rauchwolken einfach in der Versenkung. Selbst Assoziationen zur Commedia dell'Arte sind hier nicht ausgeschlossen.
Unter der inspirierenden Leitung von Jörg Halubek musiziert das Barockorchester der Musikhochschule Accademia degli Affetti mit elektrisierender Spannungskraft. Der dramatisch erregende Nerv kommt so nirgends zu kurz, wobei auch hier noch Steigerungen möglich sind. Das Ausdrucksvermögen in den deklamatorischen Partien wird voll ausgekostet, über ostinaten Bässen triumphiert die blühende Melodik der Arien und bedeutungsvollen Kantilenen. Und auch die kühnen Dissonanzen und spannungsvollen harmonischen Wendungen von Monteverdis Musik stechen hervor.
Am Ende überzeugen Alba Valdivieso als Poppea und Sarah Kling als Nerone in einem der schönsten Liebesduette der Operngeschichte, das von glühender Sinnlichkeit erfüllt ist. Der triebhafte und zügellose Nerone wird von Sarah Kling in hervorragender Weise charakterisiert. Die in Kanonform erscheinende Klage beim Tod Senecas gehört ebenfalls zu den Höhepunkten der Aufführung, wobei Shaoyu He als Seneca das Publikum fasziniert. Der sphärenhafte Zauber der "Opera seria" setzt sich immer wieder in beglückender Weise durch. Das Duett der Wachsoldaten sowie die Gesänge von Nerones Zechgenossen lassen hier sogar die "Opera buffa" spürbar werden. Das farbenreiche "Orfeo"-Orchester macht sich auch hier bemerkbar. Subtile Psychologie fällt bei dieser Inszenierung besonders auf, die zudem immer wieder mit dem Entsetzen spielt. So wird der angetrennte Kopf Ottavias zuletzt auf einem Silbertablett sichtbar. Auf die Einführung von Identifikationsfiguren wird dabei verzichtet. Problematische Protagonisten erscheinen in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit. Die Musik schwelgt nicht im "cantar parlando", sondern stellt gesangliche Überhöhung und Verdeutlichung heraus. Dem werden auch die übrigen Sänger gerecht. Clara Schneider zeigt als gedemütigte Ottavia reiche Charakterisierungskunst, Sophie Lauerer (die auch La Virtu singt) ist ihr als Drusilla eine würdige Verbündete. WenBo Shuai glänzt als raffinierter Ottone.
In weiteren Rollen überzeugen Aika Kambara als Amore, Daniel Domarecki als Arnalta, Chiara Bäuml als Nutrice, Nicolas Calderon als Valletto sowie Sion Lee als Fortuna. Paulo Maria als 1. Soldat/Lucano, Andi Jin als 2. Soldat/Liberto und Jonathan Bär, Sara Bulkurcu und Paulo Maria als Famigliari di Seneca sowie Andi Jin und Javier Agudo als Consoli, Tribuni. Sie fesseln das Publikum darstellerisch ebenfalls. Die klangvolle Umschlingung bei den Duetten und der große musikalische Formsinn vereinigen sich dabei zu einer Klanggestalt des unmittelbaren Ausdrucks.
Zuletzt Jubel und viele "Bravo"-Rufe!


