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MIT DRAMATISCHER KRAFT -- "Madama Butterfly" von Giacomo Puccini in der Staatsoper STUTTGART

am 18. Januar 2026

ALEXANDER WALTHER 19.01.2026
Kategorien: Kritiken, Deutschland, Oper

Giacomo Puccinis Oper "Madama Butterfly" wird in der Inszenierung von Monique Wagemakers in triste Bilder übersetzt. Sehnsucht, Hoffnung und Enttäuschung liegen hier dicht beieinander. Die Geisha Cio-Cio-San wird zur Braut des Marineoffiziers Pinkerton. Für ihn ist diese Ehe ein exotisches Abenteuer, für sie die große Liebe. Sie hofft auf ein neues Leben. Sie wartet auf ihn mit ihrem kleinen Sohn, den sie in der Zwischenzeit geboren hat.

© Martin Sigmund

Als der langersehnte Mann endlich wiederkommt, ist er in Begleitung seiner amerikanischen Ehefrau. Als Pinkerton von dem Kind erfährt, will er es nach Amerika mitnehmen. Die enttäuschte Cio-Cio-San sieht keinen anderen Ausweg und begeht schließlich nach altem japanischen Ritual Selbstmord. Die Kontroverse einer Kultur mit einer anderen Kultur ist für Monique Wagemakers wichtig. Für Wagemakers hat sich Cio-Cio San zu fest für diesen einen Mann entschlossen - und dieser Aspekt wird im eher schlichten Bühnenbild von Karl Kneidl und den Kostümen von Silke Willret auch konsequent herausgearbeitet. 

Butterfly hat auch eine große seelische Verletzung durch den Tod des Vaters erlitten, der sich auf Befehl des Kaisers umbringen musste. Ihre einzige Möglichkeit bestand darin, Geld zu verdienen und Geisha zu werden. Als sie Pinkerton begegnet, projiziert sie alle Sehnsüchte und Wünsche auf ihn. Laut Wagemakers ist Butterfly kein Opfer, denn sie hat sich ganz bewusst für dieses Leben entschieden. Und Konsul Sharpless erzählt, dass sie im Konsulat war. Im zweiten Akt wird bei dieser vor allem am Schluss mit vielen Blumen und einem großen Spiegelbild sowie einem Fernsehapparat arbeitenden Inszenierung dann deutlich, dass das Kind eigentlich gar nicht existiert. Zwischen Cio-Cio San und ihrer Dienerin Suzuki wird nicht über das Kind geredet. Sie zaubert es hervor und ist überzeugt, dass Pinkerton sie nicht vergessen kann. Butterfly hat nichts mehr, keine Familie und keine Verbindungen. Diese Situation arbeitet Monique Wagemakers knallhart heraus. Sharpless weiß, dass die Adoptiveltern schon auf dem Weg sind, um das Kind zu holen. 

Der Auftritt des reichen Mannes Yamadori, der Butterfly eigentlich heiraten möchte, wirkt mit der unglaublichen Auftrittsmusik eigentlich ironisch. Und packend ist auch der Schluss beim Selbstmord Cio-Cio Sans gestaltet, wo der Sohn einfach in einer riesigen Videovergrößerung weiterläuft. Es ist der Gang in eine ungewisse Zukunft, während die Mutter stirbt. Hinzu kommt, dass Pinkertons Frau Kate die Szene mit Butterfly aufdringlich filmt. Manche szenischen Übergänge könnten auch fließender sein, wirken wie ein Bruch. 

Musikalisch bietet Cornelius Meister mit dem Staatsorchester Stuttgart eine ausgezeichnete Leistung. Hier erschließt sich das Reich der Exotik in wirklich beglückender Weise. Melodische und klangliche Momente blühen geradezu auf. Sublime Nuancen und zarte Stimmungsmomente gehen nahtlos ineinander über, was vor allem den Sängerinnen und Sängern zugute kommt. Die leitmotivische Funktion der einzelnen Tonsymbole wird nie außer Acht gelassen. Die Situation des Wartens in der auf den fünf Tonstufen der Pentatonik aufgebauten Musik mit den Summstimmen des Chores hinter der Szene berührt den Zuhörer ganz unmittelbar. Das italienische Opernmelos und die klangmalerische Eindringlichkeit kommen bei Cornelius Meister nicht zu kurz. Insbesondere das Fugenthema im ersten Satz besitzt eine elektrisierende Kraft und Energie. 

Anna Princeva imponiert als Madama Butterfly mit tragfährigen Kantilenen und den leuchtkräftigen Spitzentönen ihre Soprans. Anthony Ciaramitaro steht ihr als fulminanter Pinkerton in nichts nach. Bei den Duetten erreicht dieses Paar leidenschaftliche gesangliche Höhepunkte. Ausdrucksstark ist ebenso Ida Ränzlöv als Dienerin Suzuki. Michael Mayes überzeugt ferner als sonorer Konsul Sharpless. Torsten Hofmann gefällt als Goro, Nakodo, Jacobo Ochoa verleiht dem Fürsten Yamadori eine markante Charakterisierung. Jaewoung Lee gibt dem Priester und Onkel Cio-Cio Sans machtvolle Größe. In weiteren Rollen gefallen hier Malte Kebschull als Onkel Cio-Cio Sans Yakuside, Kyung Won Yu als Kaiserlicher Kommissar, Yehonatan Haimovich als Standesbeamter, Regina Friedek als Mutter Cio-Cio Sans, Isolde Daum als Tante, Larisa Bruma als Kusine und Sam Schweizer als Kind. 

Der Staatsopernchor Stuttgart imponiert mit Intonationssicherheit und großer Gestaltungskraft. Dies gilt vor allem auch für den klangvollen dreistimmigen Frauenchor über dem zart instrumentierten Orchester. Suzukis Worte zeigen hier eine größere melodische Konzentration. Auch das Motiv bei der Aufzählung der Gäste sticht deutlich hervor. In den hohen Holzbläsern und den Pizzicati der Streicher wird der geschwätzige Goro impulsiv charakterisiert. Wie kunstvoll Puccini hier Exotisches mit seinem üblichen italienischen Stil gemischt hat, lässt Cornelius Meister mit dem Staatsorchester Stuttgart immer wieder in beglückender Weise aufleuchten. Die ausgeprägte Melodie schält sich nach der Konversationsmusik facettenreich heraus. Und die Stimmen der beiden Männer Pinkerton und Sharpless steigern sich in eine immer schwungvollere Melodik hinein. Die verliebte Unruhe Pinkertons gipfelt in einem hohen, leuchtenden B. Die Macht des übermäßigen Dreiklangs zeigt sich vor allem beim Auftritt Butterflys. Und die "japanischen" Beiklänge wirken bei dieser Wiedergabe nirgends aufgesetzt. Ein letzter Orchesterausbruch bringt die erschütternde Erinnerung an das Liesbesduett des ersten Aktes. Anna Princeva kann dem gewaltigen Abschiedsgesang Butterflys machtvolle Größe verleihen. Und Cornelius Meister betont die wuchtigen Unisono-Schläge des Orchesters am Ende mit hochdramatischer Wucht. 

Lauter Jubel und Ovationen des Publiukums. 

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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