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ANDORRA IST ÜBERALL - "Der Weg zurück" von Dennis Kelly im Kammertheater STUTTGART

Premiere am 15.9.2023

Der britische Dramatiker Dennis Kelly entwirft hier ein radikales Gedankenexperiment. In einem satirisch überspitzten Zukunftsszenario werden fünf Generationen im Rahmen einer Familiengeschichte lebendig. Dawn, Tochter des Gründers der Bewegung, opfert ihre Liebe für die Ideale, und ihre Kinder imitieren den Überwachungsstaat. Aber ihr Enkel leistet Widerstand in einer zunehmend barbarischen Umgebung.

Copyright: Björn Klein

Dawns Urenkelin will die Zukunft neu befragen. Dabei werden Fragen nach dem Überleben der Menschheit neu gestellt. In der subtilen Inszenierung von Selma Spahic kommen die szenischen Details trotz mancher Abstriche in brennender Aktualität zum Vorschein. Eine verunsicherte Gesellschaft tritt in ihrer ganzen Hilflosigkeit zutage. Wissen ist Qual, Nicht-Wissen ein Segen. Forschungslabore und Fernsehstudios werden gnadenlos in Brand gesetzt, die Bühne wird auf den Kopf gestellt, Vorhänge zugezogen, abgebrochene fahle Skulpturen plötzlich sichtbar, die die Protagonisten unter sich begraben.

Dann wird von der jungen Mutter erzählt, die bei der Geburt ihres Kindes starb. Die Situation steigert sich bis zur Schmerzgrenze, die Darsteller sind in höchstem Maße gefordert. Es wird hier vor allem gefragt, ob der technische Fortschritt wirklich zu einer positiven Zukunft führt. Das Stück beschreibt in einer manchmal auch brutalen Sprache, wie sich die Idee einer revolutionären Bewegung radikalisieren konnte und schließlich zu einem Dogma wurde.

Das 2019 vor der Corona-Pandemie entstandene Stück erzählt davon, dass der Kapitalismus schon weitgehend seinen Sinn verloren hat. Der skrupellose Fortschritt wird von den Protagonisten in Frage gestellt. David Müller spielt packend den Mann, der den Tod seiner Frau bei der Geburt der gemeinsamen Tochter miterleben muss. Er ist zum Opfer seines Glaubens an eine fortschrittliche Geburtstechnologie geworden. Celina Rongen mimt virtuos Dawn die Erste. Felix Jordan zeigt als Jonathan facettenreich die vielen Zweifel auf, die der Glaube an Visionen der Zukunft mit sich bringt. Teresa Annina Korfmacher als Zwillingsschwester und Valentin Richter als Zwillingsbruder überzeugen ebenfalls aufgrund ihres Charakterisierungsreichtums. Camille Dombrowsky stellt als Dawn die Zweite radikal die Welt in Frage. Im mit Sand bedeckten Bühnenbild von Lili Anschütz und den Kostümen von Selena Orb beweisen die Schauspieler immer wieder ihre Wandlungsfähigkeit: "Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus".

Zwei große Monologe, eine Liebesszene, ein Zukunftsmanifest und ein Anti-Märchen werden dabei zu einer atemlosen szenischen Folge verbunden, wo jeder Teil eine Welt für sich bildet. Der Körper liefert hier auch eine Schicht  für Information, Emotionalität steht im Vordergrund. Da wird beispielsweise von einem schönen jungen Mann erzählt, der die ganze Stadt beleidigt, weil er mit Frauen und Männern schläft. Die Bürger sind zuletzt wütend, misshandeln ihn, brechen ihm die Knochen und mauern ihn schließlich ein. So wird der "Sohn einer Hure" bestraft. Man fühlt sich sogar an  Max Frischs "Andorra" erinnert. Die Gefahr lauert in den Verboten. Dann rebellieren die Schauspieler, bewerfen sich mit grauem Sand, protestieren gegen radikale Ideologien.

Die Regisseurin Selma Spahic ist in Bosnien aufgewachsen und hat die Folgen des Krieges miterlebt. Das spürt man auch in ihrer Inszenierung. Die Sprache erscheint als ein riesiges Spielfeld der Macht, sie wird auch zensiert. Und zuletzt gibt es einen wunderbaren Moment der Erleuchtung, wenn Dawn die Zweite in der berührenden Darstellung von Camille Dombrowsky einem riesigen insektenartigen Tier begegnet, das sie berührt und auf das sie sich schließlich legt. Da wird dann poetisch hinterfragt, ob über diesem Tier noch ein anderes Wesen ist. Der Sinn des Lebens ergibt sich vielleicht auch darin, die galoppierende Zerstörung unseres Planeten zu stoppen und den nicht durchdachten Fortschritt der Menschheit aufzuhalten.

Viel Applaus und "Bravo"-Rufe.
 

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