Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Uraufführung: SPUREN DER VERIRRTEN von Peter Handke im Berliner EnsembleUraufführung: SPUREN DER VERIRRTEN von Peter Handke im Berliner EnsembleUraufführung: SPUREN DER...

Uraufführung: SPUREN DER VERIRRTEN von Peter Handke im Berliner Ensemble

Premiere Samstag, 17. Februar 2007, 20.00 Uhr.

Ein aufmerksam beobachtender Flaneur läßt die Welt an sich vorbeidefilieren: helfende und Hilfe suchende, sich streitende und sich versöhnende Menschen, Kriegslüsterne, Verletzte, Unglückliche, Zornige, Trauernde, Liebeshungrige, Liebesflüchtlinge, Aufbrechende, Widerständige..., die inmitten einer kleinen Völkerwanderung unvermutet auftauchen und ebenso verschwinden.

Ihre vorbei fliegenden Worte, oft nur Sprachfetzen, schlagen das jeweilige Thema an. Langsam richtet sich der Blick des Chronisten auf drei Einzelne – darunter den "Zwischenrufer“ – die unter den Vielen aus der Menge herausgehoben werden. Kleine Situationen entstehen ein Kreuz wird vorbei getragen, ein Mann wird wie zur Hinrichtung geführt und unter den Vorbeigehenden entsteht Panik. Langsam gerät der Chronist in einen Zwiespalt zwischen seiner Rolle als bloßer Beobachter oder auch Beteiligter und wird zum Mitspieler. Am Schluß steht eine Vision von Freiheit, eine Befreiung von Zwängen, die das Leben mit sich bringt. Bis das groß entworfene Panoramabild mit einem "Oh, Entschuldigung!“ verschwindet. Worte und Schritte verklingen.

 

Handke hat eine eigene, originelle Art von Welttheater geschrieben. Es basiert nicht auf Mythen oder Allegorien, es ist kein Heldenepos, Bildungsroman, Gottsucherstück, auch keine Parabel oder was es sonst noch für Modelle gibt, um die Welt zu erzählen. Es ist vielmehr ein einfaches Stationendrama. Es sind wie auf einer Kette aneinander gereihte Episoden und Fragmente, aus denen der Momente- und Gegenwartssammler Handke ein Ganzes formt. So ergibt sich eine Art Pilgerweg, der von Kreuz zu Kreuz den gesamten Lebenskreis ausschreitet und durch die ganze Welt führt. Jede Station hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Besonderheit, ihr eigenes angedeutetes Drama. Handke hat sozusagen einen "Jedermann“ geschrieben, der aus vielen "Jedermännern“ besteht. Einen Schlüssel zum Verstehen des Stückes und der Haltung Handkes liefert die Geschichte vom verirrten Vogel im verlassenen Haus: Seine hinterlassenen Spuren sind größer und gewaltiger als der kleine Vogel je war. Diese Spuren überliefert das Stück. Es sind dies Spuren, die der Mensch auf seinem Weg durchs Leben hinterläßt, ein Leben, dessen Drama darin besteht, ein Gefängnis zu sein, aus dem es kein Entkommen gibt.

 

Regie: Claus Peymann

Voraufführungen: 10., 11., 12. und 16. Februar (Sonderpreise für die Voraufführungen: Kartenkategorie A und B 15,- € (erm. 7,- €), Kategorie C und D 5,- €)

Weitere Vorstellungen: 18., 21. und 22. Februar


Premiere auf der Probebühne
SELBSTBEZICHTIGUNG & HILFERUFE zwei frühe Stücke von Peter Handke
Tanja Weidner, die als erste Regiearbeit im BE Anne Franks TAGEBUCH zeigte, inszeniert zur Uraufführung SPUREN DER VERIRRTEN zwei frühe Sprechstücke von Peter Handke: SELBSTBEZICHTIGUNG & HILFERUFE. Beide Stücke sind interessante Exkursionen in hochmusikalisch, mit der Sprache und dem Sprechen jonglierendes „Terrain“: scheinbar ohne Handlung, nach Klangelementen der Beatmusik gebaut, machen sie die Sprache selbst zum Thema. Der junge Peter Handke unternahm mit diesen Stücken den Versuch, auf dem Theater unsere verschleierte Wirklichkeit durch Sprache zurückzugewinnen. Witzig, intelligent und spannend!
Premiere: Donnerstag, 15. Februar, 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen 22. und 26. Februar

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 15 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

UNHEIMLICHE VERWANDLUNG -- Premiere "Hamlet" von William Shakespeare im Schauspielhaus STUTTGART

"Was faul ist und begraben, kommt ans Licht". Diese Erkenntnis Hamlets prägt auch die düster-packende Inszenierung von Burkhard C. Kosminski, der hier verschiedene Aspekte auf den Punkt bringt. Es ist…

Von: ALEXANDER WALTHER

BEWEGENDE NATURSCHILDERUNGEN -- Stuttgarter Philharmoniker mit der "Alpensinfonie" von Richard Strauss in der Liederhalle STUTTGART

"Erhabene Landschaften" standen diesmal im Mittelpunkt. Zunächst musizierten die Stuttgarter Philharmoniker unter der kompetenten Leitung von Frank Beermann die "Grand Canyon Suite" aus dem Jahre 1931…

Von: ALEXANDER WALTHER

DRAMATISCHE AUSDRUCKSKRAFT -- Neue CD "Letzte Lieder" mit Sebastian Naglatzki und Ana Miceva, beim Label Genuin erschienen

Mit ihrem Album "Letzte Lieder" widmen sich die Pianistin Ana Miceva und der Bassbariton Sebastian Naglatzki den letzten Liedkompositionen von Franz Schubert, Johannes Brahms, Hugo Wolf und Maurice…

Von: ALEXANDER WALTHER

DER TEUFELSGEIGER ALS GITARRIST -- Ensemble Visconti Plus im Schloss BIETIGHEIM-BISSINGEN

Das Visconti-Quartett wurde 2006 aus Mitgliedern der "sueddeutschen kammersinfonie bietigheim" und Lehrern der Bietigheim-Bissinger Musikschule gegründet. Der Name dieses Ensembles geht auf die aus…

Von: ALEXANDER WALTHER

BLICK IN DEN DIGITALEN ABGRUND -- Premiere "KI essen Seele auf" von Thomas Köck im Kammertheater STUTTGART

In Regie, Konzept Bühne & Kostüm von Mateja Meded taucht der Zuschauer in die bizarre Welt der Künstlichen Intelligenz immer tiefer ein, weil es die drei hervorragenden Schauspielerinnen Therese Dörr,…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑