Einstmals durchaus erfolgreich ist Bruscon jetzt zusammen mit Frau, Tochter und Sohn auf Tournee mit einem selbst geschriebenen Stück, in dem alle historischen Persönlichkeiten einen Auftritt haben, von Caesar über Napoleon und Metternich bis Hitler. Angereichert ist das Ganze mit philosophischen Inspirationen von Schopenhauer und Nietzsche. In seinem Größenwahn hält er sich für begabter als Shakespeare und Goethe. Neben ihm selbst kann keiner als Schauspieler bestehen. Ständig krittelt er an seiner Familie herum, die er allesamt als untalentiert ansieht. Mit endlosen Schmipftiraden tyrannisiert er nicht nur seine Familie, sondern alle, die ihm über den Weg laufen. Nun hat es sein Wandertheater in die tiefste Provinz verschlagen, in ein Dorf mit 280 Seelen, in dem der Hauptfeuerwehrmann das Sagen hat, es schwül ist, die Bühne im Veranstaltungssaal nichts taugt und es unendliche Notlichter gibt, aber lange keine Frittatensuppe.
Der auch im realen Leben ewige Krittler Thomas Bernhard setzte sich in seinem Stück "Der Theatermacher" mit den Mechanismen im Theater auseinander, den menschlichen Eitelkeiten, den Ängsten, den Widernissen. Sein stilistisches Mittel ist stupide Wiederholung in Varianten: endlose phrasenhafte Tiraden, die sich monologisierend hinziehen und jede kleinste Unzulänglichkeit ausbreiten.
So lässt sich Bruscon auch ausgiebig über die Unfähigkeit von Schauspielerinnen aus, Frauen hält er für das Theater für untauglich. Den ironischen Gegenbeweis tritt Christina Tscharyiski in dieser Inszenierung an. Sie hat alle Rollen mit Frauen besetzt, was jedoch schnell vergessen ist, weil die Aneignung überzeugend gespielt wird. Die Titelrolle des tyrannischen Mimen Bruscon ist mit Rosa Enskat besetzt. Sie verkörpert ihn eher etwas intellektualisiert und körperlich zurückhaltend, dennoch überzeugend, eine grandiose Leistung. Auch Sophie Stockinger als der Wirt lässt alles Kaugummi kauend an sich abperlen. Ebenso verhalten reagieren Alisa Lien Hrudnik als Sohn Ferruccio und Flavia Berner als Sarah. Tiefgehend betroffen zeigt sich keiner der von Bruscon verbal Attackierten, man muss nicht befürchten, dass sie traumatisiert sind. Dagegen zeigt der Furor der Worte bei den Zuschauern den intendierten komischen Effekt. Die wüsten Ausbrüche Bruscons können nicht ernst genommen werden, sondern sind einfach nur erheiternd. Dahinter verbirgt sich aber die bittere Wahrheit, dass seine Schauspielkünste nicht mehr überzeugen, obwohl er mit seiner Überheblichkeit und Egozentrik Überdruss und Selbstzweifel zu verbergen versucht.
Übrigens: Die Frittatensuppe gab es dann doch noch in Form langer Schaumgummikringel und der Feuerwehrhauptmann gestatte auch, das Notlicht auszustellen.
Zum Schluss löst sich alles in Nebelschwaden statt wie im Originaltext im Regen auf. Den Video-Epilog von Ferdinand Schmalz - im Wesentlichen über das Husten, vorzugshalber im Theater -, hätte es nicht benötigt, es sei denn man wollte der Schauspielerin Minna Wündrich, die in der Rolle als Agathe Bruscon einen etwas spärlichen Auftritt hatte, mehr Entfaltung geben. Der Wirkkraft der Sprache Thomas Bernhards ist er jedenfalls nicht ebenbürtig.
Beim Düsseldorfer Publikum kam die Inszenierung gut an und wurde mit jubelndem Beifall belohnt.
Wer etwas mehr Aktion auf der Bühne mag, sollte sich die Inszenierung von Oliver Reese für das Berliner Ensemble ansehen, in der ebenfalls der Theatermacher mit einer Frau besetzt ist, nämlich mit der fulminanten Stefanie Reinsperger.
Besetzung
Bruscon, Theatermacher: Rosa Enskat
Frau Bruscon, Theatermacherin: Minna Wündrich
Ferruccio, deren Sohn: Alisa Lien Hrudnik
Sarah, deren Tochter: Flavia BernerDer Wirt: Sophie Stockinger
Regie: Christina Tscharyiski
Bühne: Dominique Wiesbauer
Kostüm: Janina Brinkmann
Musik: Kyrre Kvam
Videoregie der Zugabe: Lisa Muchow
Dramaturgie: Stijn Reinhold


