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DER HUND ALS STÜTZE DER GESELLSCHAFT -- Uraufführung "Sommersonnenwende" von Roland Schimmelpfennig im Schauspielhaus STUTTGART

am 6. Juni 2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Der Titel des Stücks erinnert irgendwie an Gerhard Hauptmanns Opus "Vor Sonnenuntergang". Roland Schimmelpfennigs Arbeit besitzt aber nicht die gleiche literarische Qualität. Trotzdem gibt es originelle Einfälle, die immer wieder plastisch umgesetzt werden.

© Toni Suter

Die Regie von Daniela Löffner verlangt viel von den Schauspielern, die sich auf der Bühne von Claudia Kalinski mit vielen Lampen zurechtfinden müssen, die sich wiederholt nach oben und unten bewegen. Und die Kostüme von Katja Strohschneider unterstreichen diese merkwürdige Situation, in der eine Familie regelrecht seziert wird: "Passt auf euch auf. Passt gut auf euch auf." Gezeigt wird ein Haus mit großem Garten, den man aber nicht wirklich sieht. Alles bleibt in der Schwebe. Und den Duft von Rosmarin nimmt man auch nicht wahr. 

Plötzlich steht Isabels Bruder Victor samt Familie und Hund auf der Terrasse. Schlagartig ändert sich alles. Isabel hat nach dem Tod ihres Vaters ein Haus geerbt, Victors Familie den elterlichen Schlachthof und das gesamte Geld. So kommt Albert schließlich zu der Einsicht, dass diese "Schweine" die gesamte Gesellschaft beherrschen. Und hinzu kommt, dass auch noch das Gartenhaus besetzt ist. Vaters Mausoleum wird so ad absurdum geführt. Der Hund bringt das Fass schließlich zum Überlaufen, weil er ständig mit dem Knochen spielt. Und die Katze brüllt eher, als dass sie miaut. Das Absurde daran ist, dass sich diese Menschen auf einmal in Tiere verwandeln. Die Handlung ufert aus, die Dialoge werden zäher, der sprachliche Fluss stockt. Die blutige Mülltüte bringt alle zur Verzweiflung. 

In dieser seltsamen Sommernacht kommt es schließlich zu heftigen familiären Auseinandersetzungen: "Ich schieß' dir in den Arsch, du schwule Sau!" Da ist dann plötzlich Geisterstunde - und niemand möchte seinen Kopf verlieren. "Wie schön, dass ihr da seid!" Hier wird die imaginäre Familienfeier zum Schauplatz von Konflikten, Zwängen und unbewussten Zerstörungslaunen. Es sieht aus wie in einem ungepflegten Tierstall! Und es herrscht Streit: "Meine eigene Schwester schneidet mir den Kopf ab, oder fast..." Das vermeintlich schützenswerte Erbe entpuppt sich als Farce. Rechtes Denken triumphiert schamlos in der Mitte eines angeblich liberalen Bürgertums. Victor und Isabel haben gleichzeitig ein kleines Mädchen namens Amina aus dem Ausland aufgenommen und adoptiert: "Am besten natürlich, es bleibt alles in der Familie." Die beschädigten Familien erscheinen in einem seltsamen Sommerlicht. Und der Hund mutiert zur Stütze der Gesellschaft. 

An diesem Abend begreift man dann, dass es nicht nur Schulhunde, sondern auch Theaterhunde gibt. Und Theaterkatzen, die laut brüllen. Die Schauspieler verwandeln sich virtuos in Tiere. Katharina Hauter als Isabel, Rainer Galke als Albert, Marco Massafra als Victor und Christiane Roßbach als Patrizia bieten hier eine Tour de force menschlicher und tierischer Abgründe. Zuletzt endet alles in Tristesse: "Vielleicht weint jemand. Keiner sagt mehr was. Dunkel." Zuvor haben sich Patrizia und Albert einen Eimer Wasser über den Kopf gegossen. Es ist Gespensterstunde. Immer wieder werden von der Gruppe die seltsamen Verse "A rabi a rabi a gulli gulli gulli ramm sam" gebetsmühlenartig wiederholt. Im Hintergrund werden sie auch von einem geheimnisvollen Chor intoniert. Das ist unheimlich und die Zeit scheint stillzustehen. 

Die Macht der Familie zerfällt. Zuvor ist alles bedrohlich und komisch zugleich gewesen. Das Stück leidet zuweilen unter Langatmigkeit. Ganze Szenen werden wiederholt. Schimmelpfennig nutzt Wiederholungen vor allem dramaturgisch. Und in "Sommersonnenwende" kommt der Faschismus und der Fremdenhass durch das Gartentor zurück. Das gelingt szenisch zum Teil in starker Weise. Die Grenze zwischen Alltäglichkeit und Gewalt ist fließend. Schauspieler, Figur und Erzähler vermischen sich. Die Musik von Matthias Erhard unterstreicht diesen Aspekt sinnvoll. In den durchaus freundlichen und heftigen Schlussapplaus mischt sich auch Widerspruch. 

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