Die Sklavin Liu kennt Calafs Namen. Als sie sich (um das Geheimnis nicht zu verraten) das Leben nimmt, bricht Puccinis Oper ab. Der Komponist starb 1924 an einem Krebsleiden in Brüssel. "Turandot" blieb Fragment und wurde 1926 ohne Finale uraufgeführt. Anna-Sophie Mahler verzichtet in ihrer Inszenierung auf das triumphale Ende von Franco Alfano, der Puccinis Final-Skizzen instrumentierte. Als Puccini schon im Krankenhaus lag, notierte er "poi Tristano" und verwies damit auf Richard Wagners "Tristan und Isolde". Und deswegen wird bei dieser Inszenierung in Stuttgart am Schluss auch instrumental und mit reicher Chromatik "Isoldes Liebestod" musiziert. "Turandot" endet nach den letzten Worten des Chores mit einem Es in der Piccoloflöte. Und "Isoldes Liebestod" aus "Tristan und Isolde" beginnt mit einem Es in der Bassklarinette. Ob dies nun wirklich passt, darüber lässt sich trefflich streiten.
Die großangelegte Bühne von Katrin Connan besteht aus Nebel und Felsen sowie großen Aufgängen. Turandots riesige Augen sind im Hintergrund zu sehen. Und man erkennt auch den Sternenhimmel, die Erdkugel und verschiedene Lichteffekte bis hin zu Blumenmotiven, die sich in raffinierter Weise ineinanderschieben. Die Prinzessin aus Eis wird vom Feuer des Prinzen hier allerdings eher mühsam zum Schmelzen gebracht. Sie entsteigt einem großen Stahlgefäß, das von oben herabgelassen wird. Assoziationen zu Fritz Langs Film "Metropolis" tun sich auf. Roboterfiguren werden sichtbar, um das Kalte, Unmenschliche und Unberührbare zu beschreiben. Industrielle Ebenen werden auch beim Auftritt der drei Minister Ping, Pang und Pong im Hintergrund sichtbar. Alles wird von kalter Technik beherrscht und der Mensch unterliegt dieser fatalen Situation. Manchmal werden diese technischen Finessen auch zu stark betont, doch im Gesamtzusammenhang hinterlassen sie einen starken Eindruck.
Musikalisch kann diese Aufführung in mehrerer Hinsicht punkten. Unter der energischen Leitung von Valerio Galli musiziert das Staatsorchester Stuttgart akribisch. Dadurch kommt das verfeinerte exotische Kolorit leuchtkräftig zum Vorschein. Im wuchtigen Unisono des vollen Orchesters erklingt die Fünf-Ton-Folge zu Beginn unverwechselbar. Der Staatsopernchor brilliert bei den weitgespannten Chorszenen bis hin zum von Bässen gesungenen Henkerchor in imponierender Weise (Einstudierung Chor & Kinderchor: Bernhard Moncado). Und auch die Leuchtkraft der Kaiserhymne lässt nichts zu wünschen übrig. Ewa Vesin verkörpert Turandot mit stählerner gesanglicher Leuchtkraft, die sich weit auffächert. Mit imperialer Geste und großen Sprüngen der Stimme schleudert sie die Forderung heraus, dass Calaf von seinem Vorhaben ablassen solle. Ihr hohes C ist ein Ausdruck tiefster Verzweiflung. Diego Godoy antwortet ihr als Calaf ebenfalls in hellstem C-Dur ("grandiosamente"). Er möchte sie als Frau voller Liebesglut sehen. Und er kann im weiteren Verlauf die magische Kraft der berühmten Arie "Nessun dorma" mit glanzvollen Spitzentönen nachzeichnen. Der Wechsel von G-Dur nach D-Dur gelingt klangmalerisch vortrefflich. Kleine Halbtonschritte und eine große Septime reichern die Melodik hier in überwältigender Weise an.
Im zweiten Akt stechen die drei Minister Ping, Pang und Pong in der markanten Charakterisierung von Shigeo Ishino, Alberto Robert und Joseph Tancredi facettenreich hervor. Eine hervorragende gesangliche Leistung bietet ferner Esther Dierkes als Liu. In elegisch-bewegendem es-Moll singt sie ihren erschütternden Abschied von der Welt und prophezeit Turandot, dass auch sie das Glück der Liebe erfahren werde. Die hohen Streicher folgen hier genau der Singstimme im "sviolinata"-Stil. Ein leidenschaftlicher Gefühlsausbruch, der das Publikum begeistert und die Prinzessin beeindruckt! Mehrfach ist hier übrigens der berühmte "Tristan"-Akkord versteckt herauszuhören, was der Dirigent Valerio Galli auch einfühlsam betont. Die Spannung steigert sich hier ins Unerträgliche, bis der Wagner-Schluss alle zu erlösen scheint. In weiteren Rollen gefallen noch Heinz Göhrig als Kaiser von China Altoum, Adam Palka als Timur sowie Jaewoung Lee als Mandarin. Selbst tänzerische Elemente stechen hervor (Choreografie: Ivan Estegneev).
Jubel und Ovationen für diese sehenswerte Inszenierung.


