
Auch die Identifizierung von Aschenbach mit Sokrates wird deutlich. Der Schriftsteller ist am Ende. Er hat keine Disziplin und Selbstbeherrschung mehr. Auf dem Schiff nach Venedig ist Aschenbach schockiert vom ordinären Benehmen eines ältlichen Gecken. Unter den Hotelgästen fällt Aschenbuch der polnische Junge Tadzio auf. Er ist überwältigt von dessen Schönheit. Diese Szenen gelingen Volpi eindeutig am besten. Manchmal wirken die Szenen überladen, weniger wäre mehr. Und trotzdem wird der Zuschauer immer wieder neu gefesselt. Aschenbach verbringt seine Abende am Strand mit der intensiven Beobachtung Tadzios. Aschenbach versucht verzweifelt, jünger zu wirken, was ihm aber nicht gelingt. Die gefährliche Seuche Cholera ist im zweiten Akt in unheimlicher Weise allgegenwärtig. Man sieht überall Nebel. In einem fieberhaften Traum erlebt Aschenbach, wie Apollon als Gott von Form und Maß Dionysos als Gott des Rausches unterliegt. Gerade diese Sequenz glückt in dieser Inszenierung am besten. Die visuellen Reize dieses Werkes werden hier jedenfalls minuziös ausgekostet.
Als sich alles zur Abreise rüstet, beobachtet Aschenbach Tadzio und andere Knaben noch einmal beim Spiel. Als der Knabe bedrängt wird, will ihm Aschenbach helfen - doch es fehlen ihm die Kräfte. Er stirbt an der Cholera. Das Libretto von Myfanwy Piper hat die zuweilen aufgeschwemmte Erzählung Thomas Manns schlanker gemacht. In dieser Koproduktion der Oper Stuttgart mit dem Stuttgarter Ballett überzeugt auch die musikalische Leistung mit dem famos musizierenden Staatsorchester Stuttgart unter der einfühlsamen Leitung von Duncan Ward. Bühne und Kostüme von Katharina Schlipf lassen das Geschehen in Zeitsprüngen Revue passieren. Die Tonalität dieses Werkes dominiert bei der Wiedergabe deutlich, einzelne Motive erhalten eine überragende Bedeutung.
Der ununterbrochen singende und agierende Matthias Klink als Gustav von Aschenbach bietet eine überragemde Leistung mit filigranen Kantilenen. Er scheint diese schwierige Rolle wirklich zu durchleiden. Die differenzierten klanglichen Reize treten so überraschend zutage. Atmosphärische Momente verdichten sich zuweilen beklemmend - vor allem dann, als in Venedig die Cholera-Panik ausbricht. Tadzios Vibraphon-Motiv und die leitthematischen Verknüpfungen treten präzis hervor. Auch die harmonisch durchsichtig gestaltete "Venedig"-Ouvertüre schafft weitere klangfarbliche Vielfalt. Neben dem fulminanten Staatsopernchor überzeugen Pawel Konik als Reisender, ältlicher Geck, alter Gondoliere, Hotelmanager, Coiffeur des Hauses, Anführer der Straßensänger und Dionysos, Matthias Rexroth als Stimme des Apollon, Matteo Miccini als Apollon, Leopold Bier als Hotelportier, Sebastian Peter als Bootsmann, Kai Preußker als Hotel- und Restaurantkellner, Alma Ruoqi Sun als Erdbeerverkäuferin und Straßensängerin und Alberto Robert als Glasbläser und Straßensänger. In weiteren Rollen gefallen Andrew Bogard als englischer Angestellter im Reisebüro, Simon Schnorr als Fremdenführer in Venedig, Deborah Saffery als Bettlerin, Lucia Tumminelli als Spitzenverkäuferin, Anna Matyuschenko als Zeitungsverkäuferin, Marta Pfeifer als Französisches Mädchen, Eva Holland-Nell als polnische Mutter, Alexei Orohovsky als ihr Sohn Tadzio, Victoria Kostikov und Sayeh Hadidi als ihre beiden Töchter, Yanis Restieri als Jaschiu sowie Francesco Paolo Boccagna, Yanis Restieri, Kristian Kralev, Ryoma Hudzeleu, Finley Peter Muhl, Kairi Yamamoto und Tommaso Troso.
"Tod in Venedig" erreicht nicht die dramatische Schlagkraft von Brittens' Meisterwerk "Peter Grimes" - trotzdem können gerade die gewaltigen dynamischen Schlussszenen besonders fesseln, weil Duncan Ward alle kontrapunktischen Reize auskostet. Zuweilen wird die seltsame Ekstase des Dionysoskultes auch auf die Spitze getrieben. Aschenbachs überdimensionale Bibliothek befindet sich auch in seinem Kopf. Dadurch entsteht eine surreale Welt, die sich in der Gondel, im Hotel und am Strand fortsetzt. Träume und verschwommene Wahrnehmung treten immer deutlicher hervor. Die Szenen tauchen wiederholt aus dem Nebel auf, was auch in der Musik seine Entsprechung findet. Tadzio und seine Familie werden hier von Tänzern dargestellt, die Gustav von Aschenbach in raffinierter Weise umgarnen und betören. Dass Thomas Mann eine Karikatur seiner selbst geschaffen hat, tritt grell zutage. Psychologisch verläuft die szenische Entwicklung zwar nicht immer stimmig, doch die Musik spricht eine deutliche Sprache.
Aschenbachs Blick auf den Strand wird von intensiven Terzschritten begleitet, ein "Aussichtsthema" erscheint geheimnisvoll als weiteres Motiv. Die erotischen Träume erreichen eine dämonische Dimension. Das Dionysische macht Aschenbach arbeitsunfähig, die Shiva-Figur tritt hervor. Shiva als Herr der Schöpfung ist auch der Todesgott. Das Motiv des Tigers besitzt hier etwas Eruptives, Schlagzeug und Blechbläser bieten starke Effekte. Ein von der Tuba gespieltes Vierton-Motiv markiert die Wunder als Symptome der Choleraepidemie. Einflüsse von Purcell, Händel, Strawinsky und Alban Berg zeigen sich hier deutlich in der differenzierten Tonsprache, die Duncan Ward klug hervorhebt. Knappe Themen besitzen so höchste Bildkraft und poetisches Gefühl, was insbesondere Matthias Klink packend umsetzt.
Am Ende Jubel für das gesamte Team - insbesondere für den grandiosen Tenor Matthias Klink!