Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
SPHÄRENHAFTER KLANGZAUBER - 4. Liedkonzert in der Staatsoper StuttgartSPHÄRENHAFTER KLANGZAUBER - 4. Liedkonzert in der Staatsoper StuttgartSPHÄRENHAFTER...

SPHÄRENHAFTER KLANGZAUBER - 4. Liedkonzert in der Staatsoper Stuttgart

12. März 2024

"Wo aber sind die Freunde?" Unter diesem vielsagenden Motto stand der Liederabend mit Moritz Kallenberg (Tenor) und Rita Kaufmann (Klavier). Dieser vielversprechende "Traum durch die Dämmerung" begann mit Drei Liedern op. 29 von Richard Strauss. Moritz Kallenberg gelang es hier überzeugend, bei "Schlagende Herzen" und "Nachtgesang" einen großen dynamischen Bogen mit feingliedrigen Kantilenen zu beschwören.

 

Copyright: Matthias Baus: Moritz Kallenberg

Bei den expressiv gestalteten "Hölderlin-Fragmenten" von Hanns Eisler brannten sich die einzelnen Motive vielversprechend ins Gedächtnis. Neben klassisch-romantischen, impressionistischen und expressionistischen  Einflüssen  zeigten sich immer wieder freitonale und dodekaphonische Klänge. Selbst Einflüsse von Schlager und Blues waren bei einzelnen Nummern wie "An die Hoffnung", "Andenken", "Elegie 1943" oder "An eine Stadt" auszumachen.

Humorvoll und erfrischend gestaltete er dann zusammen mit der einfühlsamen Pianistin Rita Kaufmann acht Hafis-Lieder op. 5 von Gottfried von Einem, die in den 1940er Jahren entstanden sind. Erweiterte Tonalität und differenzierte Harmonik stachen bei einzelnen Liedern wie "Wahrlich, du bist ein kecker Dieb", "Wenn mein heißes Herz", "Ich Unglückseliger!" oder "Fort ist die Sonne! Fort ist alle Lust!" deutlich hervor. Der kunstvolle Einsatz moderner Stilmittel dominierte neben barocken Reminiszenzen und rhythmisch vieldeutigen Figuren immer wieder grell, was Moritz Kallenberg zusammen mit Rita Kaufmann musikalisch packend umsetzte. Motivwandel zeigte sich hier bis in Bereiche des Surrealismus, die Singstimme entwickelte sich bei Moritz Kallenberg aus dem natürlichen Sprachrhythmus.

Kontrapunktische Finssen, Klangfarbenreichtum und differenzierte Modalität fesselten zudem bei den "Hollywood-Elegien" aus dem Jahre 1942 von Hanns Eisler, der ja auch durch die Komposition der DDR-Hymne bekannt wurde. Hanns Eisler musste 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung und aufgrund seiner politischen Überzeugungen vor den Nazis fliehen. Die Motivreihen nach Texten von Bertolt Brecht ließen den Klangzauber der "Hollywood-Elegien" bei Nummern wie "Unter den grünen Pfefferbäumen" oder "Jeden Morgen" aufblühen.

Von Federico Mompou interpretierte Moritz Kallenberg "Combat del Somni", dabei konnte man die Faszination der iberischen Musik kennenlernen. Mompou komponierte ohne Taktstriche, Notensysteme, Phrasierungszeichen und akademische Regeln - er schrieb seine Klavierimprovisationen nieder, wie sie ihm gerade einfielen. Tiefe Sensibilität, poetischer Klangsinn und Anklänge an Debussy zeichneten diese Wiedergabe aus.

Die "Mörike-Lieder" aus dem Jahre 1888 von Hugo Wolf überzeugten ebenfalls aufgrund der gesanglichen Präzision und leidenschaftlichen Vortragsweise, die ebenso die Lust an kontrapunktischen Bildungen offenbarte. Die mit subtiler Chromatik erreichten Seelenschilderungen und die Darstellung intimer Ekstasen erreichten bei Kallenberg eine bewegende Leuchtkraft. Bei "Nimmersatte Liebe" oder "Verborgenheit" mischten sich sphärenhafte Klangflächen mit sinnlichem Sehnen.

Als Zugabe folgte noch das wunderbar schlichte "Gebet" von Hugo Wolf. Begeisterter Schlussapplaus. Dieses Konzert der Staatsoper erfolgte in Zusammenarbeit mit der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart.
 

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 13 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

REIZVOLLES SPIEL MIT KLASSISCHEN FORMEN -- Konzertabend beim deutsch-türkischen Forum mit Gülsin Onay und Erkin Onay im Hospitalhof STUTTGART

Sie ist Staatskünstlerin der Türkei und eine renommierte Pianistin: Gülsin Onay. Sie trat auch mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf. Zusammen mit ihrem Sohn Erkin Onay (Violine)…

Von: ALEXANDER WALTHER

EXPLOSIVE KLANGMISCHUNG -- "Eine florentinische Tragödie" von Alexander Zemlinsky bei NAXOS (BR KLassik)

Nicht sonderlich erfolgreich geriet die Stuttgarter Uraufführung der einaktigen Oper "Eine florentinische Tragödie" von Alexander Zemlinsky im Jahre 1917 unter der Leitung von Max von Schillings. In…

Von: ALEXANDER WALTHER

Die ganze Wahrheit? -- „True Crime“ - Andrey Kaydanovskiy | Hege Haagenrud | Demis Volpi in der Deutschen Oper am Rhein

Drei tänzerische Perspektiven zu Wahrheit und Fiktion: Andrey Kaydanovskiy „Chalk“, Hege Haagenrud „The Bystanders“, Demis Volpi „Non-Fiction Études“  

Von: Dagmar Kurtz

SZENEN OHNE ILLUSIONEN -- "Tosca" von Giacomo Puccini in der Staatsoper Stuttgart

Kann Kunst unsere Wirklichkeit beeinflussen? Diese Frage steht als zentrales Thema im Zentrum der Inszenierung von Willy Decker, dessen Figuren sich in Puccinis "Tosca" in einem schwarzen Kasten…

Von: ALEXANDER WALTHER

RETTET DIE FRAUEN! -- Premiere "Zertretung" von Lydia Haider im Schauspiel Nord STUTTGART

Die 1985 in Oberösterreich geborene Lydia Haider hat hier einen radikalen Text vorgelegt, der zuweilen an Rainald Goetz erinnert. Die zentrale Frage lautet: Wie geht man mit einem System um, das…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑