Zum 29. Oktober 2011 muss sie umziehen: ins Landestheater nach Linz. Und ist mit 87 Bühnenjahren ein so unverwüstliches Frauenzimmer wie eh und je …
Die kühne Gleichsetzung der Fragenden (= Gräfin Mariza) mit dem Gegenstand, nach dem sie fragt (= die Liebe), ist sowohl musikalisch als auch inhaltlich begründet. Wenn die vor ungarischem Temperament geradezu überschäumende Titelheldin aus Emmerich Kálmáns Gräfin Mariza – begleitet von einer Zigeunerkapelle – anlässlich ihrer angeblichen Verlobung mit einem fern weilenden Geliebten ihr Entrée gibt, verrät schon das doppelte Feuer aus Csárdás und Tokajer, dass diese „femme fatale“ nicht für ein Lieb & Lust hinauszögerndes Verhältnis taugt. (Und das auch noch mit einem Namensvettern des „Schweinefürsten“ Zsupán aus dem Zigeunerbaron!)
Alles Schwindel, einzig ausgeheckt, um aufdringliche Verehrer wirkungsvoll abzuschrecken! Umso ärgerlicher ist es allerdings, wenn der rein willkürlich annoncierte „Verlobte“ einen letzten namensgleichen Abkömmling leibhaftig aufkreuzen lässt, der stante pede bereit ist, die amouröse Verbindung einzugehen … Dumm gelaufen! Aber noch lange kein Grund, sich erste Ehe-Fesseln anzulegen.
Im Gegenteil! Marizas herrisch schmachtende Aufforderung an den Zigeunerprimas – „Spiel! Spiel! Spiel! … Spiele mit Gefühl!“ –, dessen Bogentanz sie sich bei ihrem großen Auftritt lustvoll unterworfen hatte, enthielt eine entschiedene Absage an all die berechnenden Brautwerber, deren Küsse auf Marizas Lippen nur als „Vorspiel“ zu Marizas Kasse gedacht waren … Mariza selbst ist die Liebe, aber eine enttäuschte. Und auch die Liebe braucht Liebe, um als Liebe bestehen zu können. Mit vollem Recht fragt sich die einsame Gräfin: „Wer liebt mich?“ Oder: „Wo wohnt die Liebe …?“
Ganz nah. Aber Schuldscheine wie Lichtjahre von ihr entfernt. Und weil das eigene „Haben“ den Blick aufs andere „Sein“ so oft verstellt, verkennt Mariza die aufrichtigen Gefühle, die ihr Verwalter, der verarmte und inkognito auf ihrem Schloss angestellte Graf Tassilo, ihr entgegenbringt. – „Denken Sie, ich wäre ein ganz armes Mädel ihresgleichen“, sucht Marizas „besseres Ich“ nach einem Ausweg, um das „Korsett“ des vermeintlichen Standesunterschiedes zu sprengen. Nur wenig später obsiegt wieder die misstrauische Gräfin in ihr, als sie Tassilo aufgrund eines ungeschickt formulierten Briefes zu Unrecht (!) vor der versammelten Gesellschaft als heuchlerischen Mitgiftjäger denunziert. – Und in ihrem Herzen blieb sie (noch) blind …
Warum die hehre Grafenwelt der Puszta dem sozial und politisch brodelnden Wien von 1924 einen solch sensationellen Theatererfolg bescherte, mag mancherlei Ursachen gehabt haben. Zum einen war es Kálmáns Musik zu danken mit ihrer ebenso kunstvollen wie authentisch wirkenden Konzentration auf das „madjarische Klangmilieu“ (Volker Klotz), zum anderen griff Hubert Marischka (genannt „Hupsi“), der als Sänger wie Regisseur legendäre Direktor des Theaters an der Wien wiederholt beherzt in die dramaturgische Nummernfolge ein (und rettete z. B. sein eigenes Entréelied: „Grüß
mir die süßen, die reizenden Frauen im schönen Wien“) … Vielleicht aber bot der edel-sentimentale Adels-Dreiklang aus hoher Liebe, Stolz und Ehre der „verwaisten Republik“ (Steven Beller) ein „kakanisches“ Trostpflaster, das versunkenen Ruhm, gegenwärtige Inflation und zukünftige „Anschluss“-(Alb-)Träume für magische zweieinhalb Stunden vergessen ließ …
Wolfgang Haendeler
Text von Julius Brammer und Alfred Grünwald
Texteinrichtung von Olivier Tambosi
unter Berücksichtigung
der Dialogfassung der Uraufführung
Musikalische Leitung Marc Reibel/Sigurd Hennemann/Borys Sitarski
Inszenierung Olivier Tambosi
Bühne Andreas Wilkens
Kostüme Birgitta Lohrer-Horres
Choreographie Stephan Brauer
Chorleitung Georg Leopold
Dramaturgie Wolfgang Haendeler
Besetzung (Erste = Premierenbesetzung)
Gräfin Mariza Tineke Van Ingelgem,
Valentina Kutzarova
Fürst Moritz Dragomir Populescu Franz Binder, Leopold Köppl
Baron Koloman Zsupán Matthäus Schmidlechner,
Hans Günther-Müller
Graf Tassilo Endrödy-Wittemburg Alexander Pinderak, Iurie Ciobanu
Lisa, seine Schwester Elisabeth Breuer, Gotho Griesmeier
Fürstin Bozena Cuddenstein zu Chlumetz Erich Josef Langwiesner
Manja, eine junge Zigeunerin Katerina Hebelkova, Martha Hirschmann
Karl Stephan Liebenberg / Penizek Günter Rainer, Gerhard Brössner
Herr Rittmeister Eugen Victor
Ilka Ulrike Weixelbaumer, Antoaneta Mineva
Zigeunerkapelle
Violine (Primas) Sorin Stefan / Markus Wall
Zymbal Agnes Szakály / Erzsébet Gódor
Saxophon Karlheinz Schmid / Jürgen Haider
Kontrabass Filip Cortés / Andreas Reckenzain
Klavier Sigurd Hennemann /
Takeshi Moriouchi / Borys Sitarski
Chor des Landestheaters Linz
Kinder- und Jugendchor des Landestheaters Linz
Ballett des Landestheaters Linz
Bruckner Orchester Linz
Weitere Termine 1., 5., 8., 11., 13., 17., 23., 25. und 27. November 2011