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Ekstase, Grausamkeit und RitualEkstase, Grausamkeit und RitualEkstase, Grausamkeit und...

Ekstase, Grausamkeit und Ritual

Euripides in Düsseldorf

Unter dem Titel MANIA THEBAIA, DER THEBANISCHE ZYKLUS, zeigt das Düsseldorfer Schauspielhaus in dieser Spielzeit vier grosse altgriechische Tragödien, die sich mit der Stadt Theben und ihrer sagenumwobenen Geschichte befassen.

 

Ein Projekt, das offenbar schon in der Planung über einen herkömmlichen Theatersaal als Spielort hinauswuchs. Gesucht wurde ein monumentaler Austragungsraum für die Zusammenstösse zwischen Menschenmacht und Götterwillkür. Gewählt wurde eine leerstehende Industriehalle in Lierenfeld, eine hohe Kathedrale des modernen Industriezeitalters, durchwachsen von Stahlstützen, Gestängen und Lüftungsrohren. Ein Relikt unserer jüngsten, industriellen Zivilisation mit ihren maschinellen Grossprodukten, dessen Atmosphäre in der Tat eine irritierende Spannung zum antiken Weltbild schafft.

 

In die Halle wurden zwei gegenüberliegende Zuschauertribünenblöcke gesetzt. Dazwischen entwarf der griechische Bildhauer Jannis Kounellis eine runde Bühnenarena, als Einheitsraum für alle vier Inszenierungen, gerahmt von vierundzwanzig schlanken, rostigen Stahlsäulen. An jede Säule ist auf Stehtischhöhe waagerecht eine grosse dicke tellerförmige Metallscheibe gespiesst. So entsteht eine seltsame Mischung aus Bühne und Skulpturenkreis, denn diese runden Scheiben werden nicht in die Handlung einbezogen, sondern wirken wie eine halbdurchlässige, befremdliche Barriere zwischen Publikum und Spielern. Man späht über eine Installation der Bildhauerkunst hinweg ins Geschehen der Bühnenkunst.

 

Das Geschehen, an dem ich auf diese Weise teilhatte, das sei vorweg gesagt, war erregend vom Anfang bis zum Schluss. Zur Eröffnung des antiken Stückereigens gab es Die Bakchen des Euripides, des jüngsten der drei grossen griechíschen Tragödiendichter. Er schrieb dieses Drama gegen Ende seines Lebens, und ich weiss kein zweites, in dem das menschliche Ordnungsmachtstreben und die Gewalt einer Naturgottheit so hart aufeinanderprallen.

 

König Pentheus regiert Theben, hat einen nüchtern zivilisierten Stadtstaat aufgebaut und den trunkenen Kult am Rauschgott Dionysos daraus verbannt. Dionysos rächt sich. Er kommt mit den Mänaden, seinem hemmungslos sinnenfreudigen Gefolge auf den Berg Kithairon in der Nähe der Stadt. Viele Frauen Thebens und immer mehr auch die Männer, sogar der blinde Seher Teireisias, geraten in den Bann der ungezähmten Sinnlichkeit und huldigen dem Gott der entfesselten Instinkte. Die Geschichte endet mit einer Bluttat, mit Klage und Verzweiflung. Die Natur ist mächtiger als der Mensch. Die Triebhaftigkeit darf man nicht verdrängen oder verbieten, sonst wehrt sie sich gegen kleinliches Ordnungsstreben, bricht durch und vernichtet alles, was sich ihr in den Weg stellt.

 

Für die Inszenierung wurde der griechische Regisseur Theodoros Terzopoulos gewonnen. Er ist Leiter des Theaters Attis in Athen, zog in den Achziger Jahren in die griechischen Berge, um alte Tänze und Sprachrhythmen zu erforschen und gilt in seinem Land als Experimentator.

 

Seine Inszenierung greift auf die mediterranen Ursprünge des Theaterspiels zurück, auf Verlautbarung, Bewegung und Ritus. Die Worte zerlaufen oft in halbmusikalische Urlaute, gegliedert durch strengen Rhythmus. Die zitternde, überschäumende Bewegungsfreude wird durch eine ritualisierte Körpersprache gebändigt. So entsteht eine ausschweifende und zugleich gefasste Form, die ungeheuer spannend ist.

 

Dionysos (wunderbar: Faith Cevikkollu) und sein orgiastisches Gefolge sind immer halbnackt, immer in Aktion, immer in verzücktem Rauschzustand, immer in einer seltsam unberührbaren Ekstase. Thebens erstarrte Oberschicht, in dickes Schwarz gekleidet, mit schwarzen, innen erleuchteten Rohren hantierend, zeigt eindringlich, wie sie in ihrer Steifheit nach und nach der Rauschwelt anheimfällt bis zum blutigen Ende. Die deutschen Schauspieler sind alle mit bewundernswerter Intensität in den Ausdruckskanon dieser so expressiv-südlichen Kunstform hineingewachsen. Nur dass die Sprache sich in der diffusen Akustik der Riesenhalle manchmal verfängt, ist schade. Besonders weil wichtige Einzelheiten des wildbewegten Geschehens von den Protagonisten nacherzählend dargestellt werden.

 

Indem dieses Theater auf die Ursprünge des Spiels zurückführt, legt es den Kern dessen frei, was an dem grandiosen, über zweitausend Jahre alten Stück bis heute frisch und lebendig ist.

 

Der Aufstand der Sinnlichkeit gegen unsere zivilisatorische Verödung. Es wird ihn immer wieder geben. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

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