Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
EINFALLSREICHES ZUSAMMENSPIEL -- "Enveloppes - Hüllen" im Wilhelma-Theater StuttgartEINFALLSREICHES ZUSAMMENSPIEL -- "Enveloppes - Hüllen" im Wilhelma-Theater...EINFALLSREICHES...

EINFALLSREICHES ZUSAMMENSPIEL -- "Enveloppes - Hüllen" im Wilhelma-Theater Stuttgart

Premiere am 5. 4. 2024

Als Produktion des Studiengangs Figurentheater zusammen mit dem Institut für Sprechkunst und dem Institut für Blasinstrumente und Schlagzeug der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart hatte diese originelle Produktion in der Regie und Ausstattung von Renaud Herbin, Arnaud Louski-Pane und Rafi Martin (künstlerische Betreuung: Julika Mayer) im Wilhelma-Theater Premiere. "Können wir uns schützen? Habe ich die Macht, einen Schutzraum zu schaffen?" lautete hier die zentrale Frage.

 

Copyright: Renaud Herbin

Dabei wurden dann Hüllen in ihren verschiedenen Erscheinungsformen und Geometrien in suggestiver Weise als Kostüme und Figuren untersucht. Das ging bis zum Reifen-Hüpfen. Die virtuos agierenden Figurenspieler Viktoria Kasprik, Camilla Krause, Anna Lehotska und Jakob Ferdinand Lenk erfanden zusammen mit der Sprecherin Judith Quast und der fulminanten Schlagzeugerin Anna Fiveiska Möglichkeiten von Grenzkörpern sowie von geschwollenen, aufgeblasenen Luftkörpern. Es wirkten als Schauspiel- und Regiestudierende noch Paolo Malassis (Frankreich) und Pavlina Oklestekova (Polen) mit. Körper-Materialien wurde in facettenreicher Weise Leben eingehaucht.

Dabei entdeckte man Transformationen - also Übergänge von einem Zustand in einen anderen. Und dies gelang den Darstellern immer am besten. Unbekannte Mutationen taten sich in Form von riesigen Decken auf, in die sich die Protagonisten einhüllten. Zusammen  mit Atem und Klang entstanden burleske und auch groteske Wesen. Das einfallsreiche Zusammenspiel dominierte, es wurde ein Manifest-Gedicht geschrieben. "Welche Hüllen erben wir? Welche wollen wir ausweiten, aufbrechen?" waren die weiteren Fragen, die die Zuschauer beschäftigten. Das universelle Recht auf Atmung wurde eingefordert. Man konnte in die Schichten vergangener Hüllen eintauchen. Dabei wurde der "kosmische Tauschhandel" beschworen, was durchaus humorvoll gemeint war. Und die Darsteller verwandelten sich hier in immer neue Figuren, spielten einfallsreich mit verschiedenen Formen.

Dabei stellten sie auch eine unangenehme Situation fest, denn es schien an Sauerstoff zu mangeln. Xylophon-Klänge illustrierten in suggestiver Weise das visuelle Geschehen. Die Angst, als Hexe zerquetscht, verbrannt oder gehäckselt zu werden, nahm von einer Figurenspielerin plötzlich Besitz: "Ich baue mir ein äußeres Skelett!" Und sie ergänzte: "Und dann lerne ich zu fliegen und von der Luft umarmt zu werden..."

Interessant war außerdem die subtile Kombination von Texten der Philosophinnen Marielle Mace, Joelle Zask und Kae Tempest. Klangschalen, Gongs, Sprachrohre  und Strohbinden gingen eine seltsame Verbindung ein: "There is a room full of bodies..." Immer dichter zog sich das Netz verschiedenster Wahrnehmungen zusammen - bis hin zu Tier-Imitationen. Ein Schlagzeug-Fortissimo unterstützte diese bemerkenswerte "Materialuntersuchung". Eine grüne Mumie gebärdete sich wie eine Raupe. "Ich bin allein mit meinem inneren Chaos", lautete die Erkenntnis. "Ich weinte vor aller Augen..." Zuletzt ging das Licht langsam aus und ließ die Figuren wie eine offene Frage zurück.
 

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 14 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

KOMPAKTES KLANGBILD -- Neue CD: Anton Bruckners Sinfonie Nr. 1 in c-Moll bei Capriccio

Die genetische Themenaufstellung sticht schon bei Anton Bruckners erster Sinfonie in c-Moll deutlich hervor, die hier mit dem Bruckner Orchester Linz unter der kompetenten Leitung von Markus Poschner…

Von: ALEXANDER WALTHER

STARKE BILDER AM WELTENDE -- Richard Wagners "Götterdämmerung" als Live-Stream aus der Oper ZÜRICH

In der Inszenierung von Andreas Homoki spielt ein gold-weiß gehaltenes, klassizistisches Ambiente eine große Rolle (Ausstattung: Christian Schmidt). Der Zuschauer befindet sich in einer…

Von: ALEXANDER WALTHER

FEUER UND GRANDEZZA -- Wiener Philharmoniker in der Waldbühne Berlin via 3sat

Es war eine besondere Premiere - zum ersten Mal musizierten die Wiener Philharmoniker unter der präzisen Leitung von Riccardo Muti in der Waldbühne Berlin. Gleich bei der Ouvertüre zu Giuseppe Verdis…

Von: ALEXANDER WALTHER

ZWISCHEN REVOLUTION UND AUFKLÄRUNG - Wolfgang Amadeus Mozarts "Zauberflöte" (Libretto: Emanuel Schikaneder) mit dem Pfalztheater Kaiserslautern im Theater Heilbronn

Kinder spielen in dieser ungewöhnlichen Inszenierung von Pamela Recinella (Bühne und Kostüme: Jason Southgate) eine große Rolle. Gleich bei der Ouvertüre spielen Pamina als Mädchen und Tamino als…

Von: ALEXANDER WALTHER

IMPRESSIONEN AUS DER SCHWEIZ -- "Monte Rosa" von Teresa Dopler im Studiotheater STUTTGART

Es ist eine Geschichte aus dem Schweizer Alpenmassiv, ein Stimmungsmoment zwischen Gesteinsschichten und Gletscherspalten: "Das ganze Matterhorn hat sich im See gespiegelt." In der Regie von Daniela…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑