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Die Dekonstruktion des Körpers

"bODY_rEMIX/gOLDBERG-vARIATIONS" von Compagnie Marie Chouinard im Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Was für eine Vielfalt an orthopädischen Gehhilfen! Rollatoren, Rollbretter, Stangen, Flugseile, lange Krücken und extrem kurze Krücken, Krücken an Armen, Stirn, Brust, Kinn und Mund. Üblicherweise dienen sie körperlich Eingeschränkten zur Fortbewegung, in Marie Chouinards "bODY_rEMIX/gOLDBERG-vARIATIONS" werden sie virtuos eingesetzt. So lässt sich erforschen, welche Bewegungsmöglichkeiten sich den Tänzerinnen und Tänzern außerhalb des klassischen Tanzes noch bieten. Durch die Verlagerung des Schwerpunkts müssen neue Balancen gefunden werden und daraus ergeben sich ganz neue Bewegungsmuster. Auch Spitzenschuhe werden nicht nur an Füßen oder sogar nur an einem Fuß getragen, sondern auch an Händen. Die Kappen sind mit Metall verstärkt und das Tock-Tock der Bewegung erinnert nicht nur an den Laut der Gehkrücke, sondern auch an die Aufforderung in der Ballettstunde, Konzentration zu üben und die Körperübungen fortzusetzen.

 
Ein Remix ist in der Popmusik üblich, hier wird er auf klassische Musik angewendet, auf Glenn Goulds Interpretation von Bachs Goldberg-Variationen. Die Musik wird zerlegt und verzerrt, beschleunigt oder verlangsamt, so dass das Original kaum wiederzuerkennen ist. Diese musikalische Dekonstruktion findet in der Zerlegung der körperlichen Bewegungen der Tänzer ihre Entsprechung. 

 
Die Malträtierung des Köpers beim Tanz, verursacht durch die Erwartungshaltung einer perfekten Köperbeherrschung, und der mitunter aggressive Umgang mit dem Körper werden symbolisch dargestellt, etwa beim Duo der mit Stangen kämpfenden Tänzer am Tanzbarren, oder der zwei miteinander verbundenen Tänzerinnen, die sich nur gemeinsam und synchron fortbewegen können, oder bei der sich gebeugt wie Heuschrecken fortbewegenden Tanzformation. An die Überforderung des Körpers und die Torturen, die dem Körper durch das harte Balletttraining abverlangt werden, erinnern im Übrigen auch die bandagierten Körper der Tänzerinnen und Tänzer. Die kanadische Choreografin scheut sich auch nicht, christliche Symbole aus der Leidensgeschichte der Heiligen zu verwenden (Heilige Sebastian, Fußwaschung, Kreuzigung), was etwas zu viel des Guten ist.

 
Thematisiert wird in "Bodyremix" die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers und seine Begrenzung, zugleich wird aber auch die Überwindung dieser Einschränkungen gefeiert. Der Compagnie von Marie Chouinard gelingt eine überaus ästhetische Darbietung, die den Tänzern höchste Leistung abverlangte und perfekt dargeboten wurde.

 
Choreografie, künstlerische Leitung: Marie Chouinard;

Tanz: Kirsten Andersen, Kimberley de Jong, Mark Eden-Towle, Chi Long, Carla Maruca, Lucie Mongrain, Carol Prieur, Gérard Reyes, Manuel Roque, Dorothea Saykaly, Ami Shulman, James Viveiros;

Musik: Louis Dufort mit Variationen der "Goldberg Variationen" von Johann Sebastian Bach in der Interpretation von Glenn Gould, Variationen 5,6,8 und die Stimme von Glenn Gould; Licht, Bühne: Marie Chouinard; Kostüme, Haarstylist: Vandal; Make-up: Jacques-Lee Pelletier.

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