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"Der Kirschgarten" von Anton Tschechow, Thalia Theater Hamburg

Premiere 3. März 2012 um 20 Uhr im Thalia Theater. -----

Es gibt eine Vorstellung von der russischen Seele, die dem westlichen Denken diametral entgegengesetzt ist.

Während im Westen das Leben von permanenter Aktivität gekennzeichnet ist und Ruhe nur zur Wiederherstellung der Arbeitskraft dient, ist der „natürliche Zustand der russischen Seele“, etwa nach Boris Groys, das ruhige Gleichgewicht, das Nichtstun. Und nur wenn dieses Gleichgewicht gestört ist, wird man aktiv, aber auch nur solange, bis es wieder hergestellt ist: Kein faustisches Streben, durch das man sich seine Erlösung verdient, sondern ein Normalzustand völliger Passivität, der durch gelegentliche kurze Anstrengungen, Störungen zu beseitigen, aufrecht erhalten wird. So wie man eine Fliege verscheucht.

Der Kirschgarten, 1904 in Tschechows Sterbejahr im vorrevolutionären Russland uraufgeführt, ist ohne solche Vorstellungen nicht zu verstehen. Die Menschen in diesem Stück tun angesichts des drohenden Untergangs ihrer gesamten bisherigen Existenz nichts, als durch Reden und Verdrängen die Situation noch ein Weilchen im Gleichgewicht zu halten. Am Tag, als der Kirschgarten, das Symbol ihres gesamten bisherigen Lebens, mit Haus und Hof versteigert wird, weil sie die Hypothekenzinsen nicht mehr bezahlen können, feiern sie ein Fest. Sie leben den Augenblick, als wäre nichts passiert, und weigern sich, irgendetwas – außer Reden im Konjunktiv – gegen den unmittelbar bevorstehenden Absturz zu tun. Nur der ehemalige zu Geld gekommene Knecht der alten Familie tut etwas. Er ersteigert das Gut, aber selbst diese Tat kommt einem eher vor wie eine somnambule Reaktion.

Was macht diese „Komödie“ gerade in den letzten Jahren auch an westlichen Bühnen so beliebt? Zeigt sie unserer Hyperaktivität ihre andere, verleugnete Seite oder finden wir uns gar angesichts unzähmbarer Finanzmärkte und unberechenbarer Zukunftserwartungen selbst in der Zwangslage, drohendes Unheil fatalistisch durch Reden und Verdrängen zu kompensieren, um die scheinbare Normalität des gegenwärtigen Augenblicks aufrecht zu erhalten? „Der höchste Glaube ist der Glaube an eine Illusion, die man selbst als Illusion durchschaut hat.“ Dieser Satz stammt aus einem Ratgeber für modernes Management, der Anfang dieses Jahrhunderts in Deutschland erschien. Tschechows russische Protagonisten wussten das in ihrer „hoffnungslosen Hoffnung“ offenbar schon ein Jahrhundert früher.

Regie

Luk Perceval

Bühne

Katrin Brack

Kostüme

Anja Sohre

Musik

Lutz Krajenski

Ted Stoffer (Choreografie)

Dramaturgie

Carl Hegemann

Darsteller

Matthias Leja

Barbara Nüsse

Sebastian Rudolph

Cathérine Seifert

Alexander Simon

Oana Solomon

Wolf-Dietrich Sprenger

Rafael Stachowiak

Oda Thormeyer

Tilo Werner

So,04.03.2012 19:00 Uhr

Mi,07.03.2012 20:00 Uhr

Mi,21.03.2012 20:00 Uhr

Mi,04.04.2012 20:00 Uh

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