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DAS INTERNAT ALS DIKTATUR - "Die Krise des jungen Törless" inach Robert Musil im Schauspiel StuttgartDAS INTERNAT ALS DIKTATUR - "Die Krise des jungen Törless" inach Robert Musil...DAS INTERNAT ALS...

DAS INTERNAT ALS DIKTATUR - "Die Krise des jungen Törless" inach Robert Musil im Schauspiel Stuttgart

am 23.2.2023 im Schauspiel Nord / STUTTGART

In der Inszenierung von Matthias Köhler nimmt das Elite-Internat im niederösterreichischen Schattenland ganz allmählich Gestalt an, wo der junge Törless und seine Kameraden Zeugen werden, wie der Mitschüler Basini seine Freunde bestiehlt. Die materialistischen Ansprüche der elitären Schulgemeinschaft treten grell zutage.

Copyright: Björn Klein

Der Anschein des wohlhabenden Dandys nützt ihm nichts, er wird von seinen Klassenkameraden trotzdem erpresst  und geschlagen und zum Untergebenen degradiert. Dabei werden die Zeugen widerwillig zu Tätern, die Welt steht plötzlich auf dem Kopf. Sie kosten ihre Macht aus und werden zu gewalttätigen Handlangern. Misshandlungen und Demütigungen sind an der Tagesordnung, manchmal blitzt auch schwarzer Humor auf.

Sexuelle Befreiung kann hier inmitten einer brutalen Gesellschaft kaum gelingen. Matthias Köhler untersucht in seiner interessanten und psychologisch vielschichtigen Inszenierung durchaus die Mechanismen der Gewalt, die bald außer Kontrolle  geraten. Der Autor Robert Musil schildert hier seine Erlebnisse in der Militärschule und deren "unteroffiziersmäßige" Erziehung. Die sexuelle Dämmerung des Übergangsalters wird  in Matthias Köhlers  subtiler Inszenierung (Bühne und Kostüm: Ran Chai Bar-zvi) grell und nicht ohne Ironie beleuchtet. Dies gilt auch für jene Szene mit der Badewanne, als Basini plötzlich nackt vor Törleß steht und dieser erschrocken zurückweicht.

Die wandlungsfähigen Schauspieler Janina Fautz, Annabel Hertweck, Anja Pichler, David Richter, Joscha Schönhaus und Furkan Yaprak schlüpfen dabei immer wieder virtuos in verschiedene Rollen. Der weinende Basini macht Törless Vorwürfe: "Du quälst mich..." Und Törless erwidert heftig: "Ja, ich quäle dich. Aber nicht darum ist es mir; ich will nur eines wissen: Wenn ich all das wie Messer in dich hineinstoße, was ist in dir? Was vollzieht sich in dir? Zerspringt etwas in dir?" So steigert sich die Spannung bei der Aufführung unaufhörlich.

Hinter der Bühne hört man dann Basini heulen und jammern, als er von den Klassenkameraden geschlagen wird. Die früherwachte und missgeleitete Sinnlichkeit von Zöglingen wird dabei auf die Spitze getrieben, manchmal passiert alles auf engstem Raum. Sie steigert sich bis zur Grausamkeit. Eine junge Frau tanzt fast erotisch mit einer Pistole. Auch die expressionistischen Effekte dieses Werks werden dabei nicht verleugnet. Musil erscheint in jedem Fall als strenger Kritiker an der Wirklichkeit des modernen Lebens mit der Leidenschaft nach Richtigkeit, Genauigkeit. Die Wendung vom Realismus zur Wahrheit wird in der Inszenierung spürbar.

Und die psychologische Kühnheit dieser Pubertätsstudie blitzt immer wieder hervor. Am Ende wird der junge Törless vom Internat in die Privaterziehung abgeschoben. Vom Himmel regnet es Golddukaten wie im Märchen. Vielleicht ist dies eine Art Lösung der Lebensprobleme des jungen Zöglings, der sich tatsächlich in einer schweren seelischen Krise befindet. Das Bühnenbild verstärkt diesen Eindruck, es dreht sich unaufhörlich, Türen werden geöffnet, man sieht die Zöglinge in überraschenden Situationen.  Und das schwierige Problem mit der Männlichkeit wird systematisch hinterfragt.

In diesen Räumen, in denen die Männer untereinander sind, darf es keine Liebe geben. Gleichzeitig steht die Diktatur schon drohend vor der Tür - und die Vergewaltigung des  einzelnen durch das System erscheint tatsächlich in visionärer Deutlichkeit. Die Jugendlichen sind gefangen in tausend Zwängen, die sie nicht bewältigen.

Die Musik von Antonia Matschnig unterstreicht diese Erkenntnis suggestiv.  Auch die Textbearbeitung von Matthias Köhler und Lennart Göbel besitzt packenden Zugriff und rhetorische Präzision: "Hunde ertragen den Gestank der Menschen nicht." Bei der Fechtszene teilt sich der Raum in viele Einzelheiten, das Bild gewinnt an Vielfalt, seine Statik verschwindet. Die Tragik des Menschen steht im Vordergrund. Viel Applaus, Begeisterung.   
 

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