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Weltklasse im Niemandsland

Klaus Maria Brandauer inszeniert Wagners "Lohengrin" in der Oper Köln

Copyright: Klaus Lefebvre

"Wann geht der nächste Schwan?" Mit dieser Frage soll sich einst der gefeierte Wagner-Tenor Leo Slezak ans Publikum gewandt haben, nachdem er den "Einstieg" verpasst hatte und die Requisite im Bühnenhintergrund verschwunden war. Über die Situationskomik hinaus macht die häufig erzählte Anekdote eines klar: Man hat es nicht leicht mit Wagners "Lohengrin", seiner idealistischen Botschaft und seinen romantischen Versatzstücken. Davon handelt auch das Programmheft der Kölner Inszenierung, das eine vorzügliche Werkeinführung des Berliner Historikers Martin Lade enthält. Dort heißt es: "Die verschiedenen Zeitdimensionen der 'Lohengrin'-Handlung sind eine Herausforderung: die paradoxerweise in die mittelalterliche Vergangenheit zurückprojizierten Zukunftsvisionen, der Subtext der Gegenwart von 1848, die von Wagner intendierte mythische Zeitlosigkeit des Ganzen und schließlich die immer zu berücksichtigende unmittelbare Gegenwart des jeweiligen Theaterpublikums, vor allem in Deutschland."

 

All diesen Aspekten in gleichem Umfang Genüge zu tun, kann natürlich kaum Sinn einer Operninszenierung sein, obwohl man gerade bei Wagner in dieser Hinsicht so einiges gewohnt ist. Mit derlei Kopfgeburten des Regietheaters hat Regisseur Klaus Maria Brandauer wenig im Sinn. Vielmehr lässt sich sein Kölner "Lohengrin" geradezu als Absage an alle Reflexionen über die ideologischen Hintergründe von Wagners Bühnenwerk und dessen mögliche Aktualität verstehen. Ohne besondere dramaturgische Zutat erzählt wird die reine Geschichte - eine in mancher Hinsicht begrüßenswerte Zurückhaltung, die freilich auch mit dem Verzicht auf Verbindlichkeit erkauft wird. Wie anders wäre das in der Pause zufällig aufgeschnappte Statement eines jüngeren Besuchers zu verstehen, wonach "die Musik toll, die Handlung aber völlig belanglos" sei?!

 

Selbst dem Einbruch des Wunderbaren in den Alltag, zeichenhaft verdichtet in der Erscheinung des Schwans, scheint Brandauer zu misstrauen: Da wird, von Chor und Orchester mit größter Ekstase begrüßt, feierlich ein Stofftier hereingetragen, das zwar jeder Spielwarenabteilung alle Ehre gemacht hätte, nicht aber dem übernatürlichen Auftritt eines Gralsritters gerecht wird. Und wenn des Königs Knappen dieser höchst irdischen Ikone dann auch noch einige Schwimmbewegungen verabfolgen, ist der Eindruck (unfreiwilliger?) Komik nicht zu vermeiden. Ähnliches gilt übrigens für die berühmte Schlafzimmerszene im 3. Aufzug, in der die frischvermählten Ehegatten zwar wohlbekränzt, aber ansonsten einigermaßen hilf- und ratlos vor dem jungfräulichen Ehebett sitzen. Solch ironische Zwischentöne hier und da augenzwinkernd einzubringen, um dem überschäumenden Pathos des Wagnerschen Bühnenwerks ein wenig die Spitze zu brechen, mag ja durchaus wohltuend sein, verbietet sich jedoch da, wo es um die dramatischen Gelenkstellen des Werks geht. Wie kann ich an einen Schwanenritter glauben, wenn schon sein Gefährt nicht besonders vertrauenerweckend daherkommt?

 

Auch in Sachen Personenführung geht Brandauer, bekanntlich Schauspieler von Burg-Theaters und Hollywoods Gnaden, äußerst sparsam zu Werke. Im durchaus nachvollziehbaren Bemühen, nicht unnötigerweise zu verdoppeln, was von der Musik bereits sattsam ausgebreitet wurde, scheint das Ensemble darstellerisch an manchen Stellen wie eingefroren. Den Sängern mag dies angesichts ihrer schwierigen Partien ja zupass kommen, als Zuschauer wünschte man sich in Sachen Geste und Gebärde an vielen Stellen dennoch einen entschlosseneren Fingerzeig. So wohnt König Heinrich Lohengrins Gralserzählung mit einer derart unbeteiligten Miene bei, als ginge ihn die ganze Sache überhaupt nichts an. Und Ortrud, immerhin Motor des gesamten Geschehens, trabt, weit von der Seite her kommend, nur gemächlich herzu, um der verhassten Elsa den Weg zum Traualtar zu verwehren. Die unentschieden zwischen Vergangenheit und Moderne angesiedelte Ausstattung (Bühnenbild: Ronald Zecher, Kostüme: Petra Reinhardt) tut ein Übriges, um den Eindruck zu erwecken, man sei in einem ästhetischen Niemandsland angekommen.

 

Wenn man das Kölner Opernhaus dennoch mit dem Glücksgefühl verlässt, eine der eindrucksvollsten Produktionen der letzten Jahre erlebt zu haben, dann liegt dies vor allem am musikalischen Aspekt dieser Neuinszenierung, der ohne Einschränkung das Prädikat "Weltklasse" verdient. Dabei kann sich Markus Stenz am Pult des fabelhaft disponierten Gürzenich-Orchesters einmal mehr als einer der hoffnungsvollsten jüngeren Wagner-Dirigenten unserer Zeit profilieren. Seine schlanke Interpretation der Wagnerschen Wunderpartitur entwickelt sich kammermusikalisch transparent und temperamentvoll zupackend zugleich, aber frei von jeglichem Schwulst und überflüssigem Pathos - ganz so, als wäre das Werk, nichts weniger als der Höhepunkt der romantischen Oper in Deutschland, erst gestern komponiert worden. Selbst das immer wieder dräuende "Frageverbotsmotiv", andernorts oft genug plakativ heraustrompetet, erscheint eingebunden in den musikalischen Fluss...

 

Größten Respekt verdient, angefangen bei dem von Andrew Ollivant bravourös einstudierten Chor, auch die gesangliche Seite der Aufführung. Dabei vermochte Reinhard Hagen als König Heinrich ebenso zu überzeugen wie Krister St. Hill als Telramund (der sich in der besuchten Vorstellung deutlich zu steigern wusste). Dalia Schaechter sorgte, mit einigen stimmlichen Härten, als Ortrud für jenen rechten dämonischen Ausdruck, wie man ihn von dieser geheimen Hauptfigur der Oper erwartet. Als Elsa anrührend in ihrer ekstatischen Traumverlorenheit Camilla Nylund, die, trotz Schwangerschaft, warmen stimmlichen Glanz mit darstellerischer Überzeugungskraft (vor allem im 3. Akt) verbinden konnte. Von Stimme und Bühnenpräsenz her ganz groß der Tenor Klaus Florian Vogt als Lohengrin, bei dessen auch gestalterisch überragender Gralserzählung man im Zuschauerraum eine Stecknadel hätte fallen hören können!

 

Angesichts dieses Gesamteindrucks ist es kaum überraschend, dass der Beifall des Publikums gespalten ausfiel: Während sich Orchester, Dirigent und Sänger, letztere sogar mit Standing Ovations bedacht, im Glanz eines Premierentriumphs sonnen durften, wurden Klaus Maria Brandauer bei seiner ersten Opernregie lebhafte Missfallenskundgebungen, in diesem Ausmaß nicht gerechtfertigt, zuteil. Er wird diese mit der ihm eigenen österreichischen Gelassenheit zu verarbeiten wissen...

 

 

Premiere: 9. September 2006

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