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Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft -- "Die Meistersinger von Nürnberg" von Richard Wagner in der Deutschen Oper am Rhein

17.10.-06.12.2026

Geschrieben von Von Dagmar Kurtz

Ein klarer Gebirgssee, Berge und Föhren, eine idyllische Landschaft, leicht sepia getönt. Davor schieben sich langsam rückwärtsgehend schwarze menschliche Silhouetten in Kostümen des 19. Jahrhunderts, Männer mit Hüten und Frauen mit Cul de Paris. Mit diesem poetischen Bild zur Ouvertüre beginnt Daniel Kramer seine Inszenierung "Die Meistersinger von Nürnberg" von Richard Wagner für die Deutsche Oper am Rhein.

© Sandra Then

Der erste Aufzug ist ebenfalls ziemlich traditionell gehalten. Ein Festsaal mit ausgestopftem Stierkopf und Gemälden in Petersburger Hängung, man findet einen Bernhardiner mit Branntweinfässchen, viel Wildbret und viel romantische deutsche Landschaft. Ein biederes, großbürgerliches Ambiente mit Altherrencharme. Etwas irritierend findet sich mittig, prominent über dem Kamin hängend Goyas Gemälde aus seiner schwarzen Phase "Saturn frisst seinen Sohn". Was das zu bedeuten hat? Servierdamen im ärmellosen Kleinen Schwarzen mit weißem Bubikragen decken ein und decken ab, ohne das etwas genossen wurde. Auf mehreren Bildschirmen wird ein KI-generiertes Fußballspiel gezeigt, ab und zu taucht dazwischen auch Eva Pogner in mondänen Posen auf. Das ist der Raum, in dem sich die Meistersinger zu ihrem traditionellen Gesangswettbewerb treffen wollen. Als Preisgeld ist Pogners Tochter Eva ausgelobt. Ritter Walter von Stolzing, ein müder Jonny Depp Verschnitt, tritt unerwartet als Konkurrent auf und bringt die gewohnte Ordnung durcheinander.

Der zweite Aufzug bricht dann mit den traditionellen Erwartungen. Die Szene hat Daniel Kramer mit seiner Bühnenbildnerin Elizabeth Clachan in eine öde Einkaufspassage eines Bahnhofs verlegt, das gegenwärtige Stadtbild widerspiegelnd. Hier findet sich u.a. ein Brautmodengeschäft, ein Kebabimbiss und ein Donutladen, eine Bankfiliale, dessen Eigner Veit Pogner ist, sowie ein Schuh-und Schüsseldient, der von Hans Sachs betrieben wird. Eine Grünbepflanzung bemüht sich, den Unort etwas aufzufrischen und ein Wackelflugzeug­automat wartet auf Kinder. Ein Obdachloser hat sich häuslich eingerichtet, die Bahnhofs­mission macht geballt auf sich aufmerksam, zwei vollverschleierte Damen ziehen Geld aus dem Bankautomaten. Die Anzeigetafel zeigt fortwährend Zugverspätungen und -ausfälle an. Der Nachtwächter ist jetzt Security. 

In diesem unwirtlichen Ambiente spielt sich dann die bekannte Handlung ab: Eva, die sich in Walter verliebt hat, versucht von Hans Sachs zu erfahren, wie das Probesingen ausgefallen ist. Da das Ergebnis ungünstig ist, beschließen sie und Walter zu fliehen. Beckmesser, der ebenfalls Eva begehrt, singt versehentlich Magdalene an, was die Eifersucht von David weckt. Die nachfolgende Schlägerei deutet Daniel Kramer um: Plötzlich strömen Flüchtlinge in die Passage. Vermummte Radikale schlagen brutal zu. Polizisten mit Maschinengewehren verschaffen sich Übersicht, als die Krawallmacher schon längst abgezogen sind. Einzig der Obdachlose hat den Anschlag nicht überlebt. 

Der dritte Aufzug spielt dann im Jahre 2035. Auf einem Aufmarschplatz stehen alle ohne Ausnahme in grünen, goldbetressten Uniformen. Die Meistersinger sind jetzt keine Handwerker mehr, sondern Offiziere, Majore, Generäle. Die Welt ist militarisiert. Neben der Flagge der Bundesrepublik Deutschland finden sich aber auch die Flagge der Nato und die Europaflagge. Ganz unbefangen kann man Wagners "Meistersinger" nicht sehen. Im Hinterkopf ist immer die Problematik der propagandistischen Vereinnahmung der Oper durch die Nationalsozialisten und Nürnberg als Versammlungsort gegenwärtig. So ist dann auch der pompöse Schlusssatz mit der Verherrlichung deutscher Kunst nicht vorbehaltlos zu genießen. Kramer baut durch den Hinweis auf die Einbindung in internationale Bündnisse Distanz dazu auf. 

Etwas zwiespältig ist der Eindruck, den Daniel Kramers Inszenierung hinterlässt. Zum einen gelingt es ihm, die Komik und Ironie der Oper gut herauszuarbeiten. Besonders glänzt da die Figur des Beckmessers, der an diesem Abend von Joachim Glotz, der dankenswerterweise für den erkrankten Christoph Pohl eingesprungen ist, großartig gesungen und gespielt wurde. Auf der anderen Seite gibt es ein Füllhorn an Ideen, Symbolen und Subtexten, die sich nicht unmittelbar erschließen wollen. Anzunehmen ist, dass er Kritik an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Zuständen üben und gleichzeitig vor zukünftigen Gefahren eines Demokratieverlustes warnen möchte. Den starken Bildern, die er dabei durchaus erzeugt, vermag man sich nicht ganz zu entziehen, auch wenn es beim Publikum dazu geteilte Meinung gab.

Ganz einhellig war aber die Meinung über die überaus starke gesangliche und musikalische Leistung, die enthusiastischen Beifall hervorrief. Martin Gantner als Hans Sachs überzeugte sowohl szenisch als auch stimmlich voll und ganz. Auch Hans-Peter König als Veit Pogner und Daniel Frank als Walther von Stolzing sangen brillant. Ebenso glänzten Anke Krabbe als Eva und Anna Harvey als Magdalena. Hervorzuheben ist auch David Fischer, der seine Rolle als Lehrjunge David, mit großer Spielfreude zu meistern wusste. Axel Kober dirigierte die Düsseldorfer Symphoniker, die ganz großartig muszierten, gewohnt souverän und Chor und Extrachor zeigten Glanzleistung. 

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