Man schreibt den 20. April 1945. Ein schicksalhafter Tag, der den letzten Tag des Krieges in einem Konzentrationslager bei Berlin in beklemmender Weise nachzeichnet. Häftlinge werden selektiert und in die Gaskammern getrieben. Andere werden einem Rotkreuztransport zugeteilt. Aus 30 Perspektiven erzählt der holländische Autor Bert Natter diesen Tag und erzeugt dabei eine gewaltige Spannung: "Aus dem Augenwinkel sieht Szymon, dass sich Augustynowicz über die Leiche vor dem Krematorium gebeugt hat. Eigentlich müssten sie dafür sorgen, dass die so schnell wie möglich von dort wegkommt, bevor Weitze auftaucht. Der kontrolliert die Listen, obwohl das überhaupt nicht in seine Zuständigkeit fällt..."
Im Festsaal der Kommandantur erkennt man dann versammelte SS-Männer, und die beklemmende Situation nimmt gespenstische Ausmaße an: "Wir kämpften schon in mancher Schlacht, in Nord, Süd, Ost und West. Und stehen nun zum Kampf bereit, gegen die rote Pest. SS wird nicht ruh'n, wir vernichten, bis niemand meht stört Deutschlands Glück..." Die Russen kommen immer näher, die Spannung steigt. In diesem deutschen KZ wird Ernst, der elfjährige Sohn des stellvertretenden Lagerkommandanten Karl Zehlendorf, plötzlich vermisst. Sein älterer Bruder behauptet, ihn zuletzt beim Angeln am Seeufer gesehen zu haben. Von ihrem heftigen Streit erzählt er nichts. Ernst ist dabei ins Wasser gefallen. Bert Natter arbeitet auch mit ausgefeilter Psychologie. Der SS-Mann und verhinderte Konzertpianist Zehlendorf erfährt, dass bis zum morgigen Tag das gesamte KZ "evakuiert" werden muss. Das verändert seine gesamte Lebenssituation schlagartig, die Suche nach dem Sohn hat nicht mehr Priorität. Mit einem Beethoven-Klavierkonzert soll zum letzten Mal "Führers Geburtstag" gebührend gefeiert werden.
Weil ein Erzähler in diesem ungewöhnlichen Roman fehlt, vermisst man manchmal einen übergeordneten Bogen. Doch die Spannung steigt. Über allem spürt man das untergehende Reich Hitlers. Im Gare de Lyon stehen tausende von Menschen und schwenken französische Fähnchen. Eine Blaskapelle spielt die Marseillaise. Und Karl Zehlendorf ist am Ende: "Was ist richtig, was ist falsch? Das fragt er sich immer noch. Er liegt auf dem Boden und kann sich nicht rühren. Pulverdampf steigt ihm in die Nase, er sieht Teile der Körper seiner verstorbenen Frau und seines Sohns. In der Stille seit dem letzten Knall hört er im rechten Ohr ein Rauschen..." Der Leser bleibt erschüttert und fassungslos zurück. Da verfehlt dieses Buch seine Wirkung nicht. Und mit Musik endet auch das Leben des Lagerkommandanten: "Das Letzte, was er hört, sind dissonante Klänge, die leider den Schlussakkord seines Lebens bilden."
Eine bewegende, lohnende Lektüre von atemlosen 782 Seiten.


