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GEWALTIGE DYNAMISCHE STEIGERUNGEN -- Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart unter Nicholas Carter in der Liederhalle STUTTGART

am 25. Oktober 2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Das Antrittskonzert des Australiers Nicholas Carter als neuer Generalmusikdirektor des Staatsorchesters Stutttgart brachte einige Überraschungen.

© Matthias Baus, Portrait Nicholas Carter

Zunächst war das facettenreiche Orchesterstück "Frontispiece" der 1961 geborenen Südkoreanerin Unsuk Chin zu hören, in dem verschiedene Passagen aus bedeutenden Orchesterwerken kunstvoll verarbeitet werden. So hörte man Anklänge an Igor Strawinsky, Richard Strauss, Alexander Skrjabin ("Le poem de L'extase"), Anton Bruckner (neunte Sinfonie), Charles Ives und Anton von Webern heraus. Diese Fragmente brachen immer wieder ab und schienen dann interessante Fragen zu stellen. Stellenweise nahm man sogar Bezüge zu "Notations" von Pierre Boulez wahr. Johannes Brahms und Sequenzen aus der sechsten Sinfonie von Peter Tschaikowsky meldeten sich ebenfalls. Das Ganze wirkte allerdings nicht epigonenhaft, sondern durchaus abwechslungsreich und dynamisch differenziert. Selbst Gesten aus der Barockmusik ließen nicht lange auf sich warten. Das Stück wird von einem Akkord wie von einer gewaltigen Säule zusammengehalten. 

Der ausdrucksstarke, aus Persien stammende Cellist Kian Soltani war dann der Solist beim Konzert für Violoncello und Orchester in e-Moll op. 65 aus den Jahre 1918/19 von Edward Elgar, der darin auch den Krebstod seiner Frau in berührender Weise verarbeitet. Man kann also durchaus von einem ergreifenden Abgesang sprechen. Die rezitativische Klage des Violoncellos im ersten Satz besaß eine besondere Intensität. Dann begann das Hauptthema wie im Weltschmerz seltsam zu pulsieren und floss in unendliche Weiten. Auch das Seitenthema besaß eine erstaunliche Ausdruckskraft. Die Scherzo-Form des anschließenden Allegro molto wurde in reizvoller Weise ausgekostet. Innige Kantilenen beherrschten das Adagio. Stürmisch wirkte das ausgezeichnet interpretierte Finale mit der Cello-Klage und der bewegenden Coda. Dass dieses Konzert ausgesprochen romantisch gestaltet ist, machte die gelungene Wiedergabe deutlich. Als Zugabe folgte noch ein ausdrucksvolles Volkslied des persischen Komponisten Reza Vali, wo Kian Soltani mit großem Ausdrucksreichtum agierte. 

Zuletzt folgte die berühmte Tondichtung "Ein Heldenleben" für großes Orchester op. 40 von Richard Strauss, wo Nicholas Carter die thematische Verknüpfung der einzelnen Themen überzeugend herausarbeitete. Dass Strauss sich hier deutlich an der Sonatensatzform orientiert hat, konnte man deutlich heraushören. Dabei gibt es zwischen "Don Quixote" und "Ein Heldenleben" klare Berührungspunkte, die auch bei diesem Konzert deutlich wurden. Die selbstverherrlichenden Momente dieser ungewöhnlichen Komposition wurden aber keineswegs störend herausgestellt. Im fünften Abschnitt blitzten immer wieder Zitate aus Strauss' eigenen Kompositionen hervor - so bespielsweise "Don Juan", "Tod und Verklärung", "Macbeth", "Till Eulenspiegels lustige Streiche", "Also sprach Zarathustra" und "Don Quixote". Auch die Oper "Guntram" und das Lied "Traum durch die Dämmerung" sind herauszuhören. Die leidenschaftlichen Steigerungen betonte das Staatsorchester unter der Leitung von Nicholas Carter hervorragend. Bei "Des Helden Gefährtin" glänzte Vladyslava Luchenko (Violine) mit betörend-glühenden Kantilenen und weichen Legato-Bögen von ungewöhnlicher Intensität. Mit schier grenzenloser Selbstironie agiert Richard Strauss als genialer Instrumentator dann bei der Schlachtmusik in bajuwarischem Walzertakt, wobei der ungeheure Orchesterapparat bei Nicholas Carter nicht aus dem Ruder lief. Schon die aus der Ferne herüberklingenden Fanfaren besaßen glanzvolle Leuchtkraft. Allerdings kam man hier nicht auf den Gedanken, dass dies etwa ein Kriegshymnus auf Kaiser Wilhelm II. sein könnte. Kampflustig prallten die Themen aufeinander - und natürlich ging der "tapfere Soldat" Strauss als Sieger hervor! Sehr gut gelang auch der Schlussabschnitt "Des Helden Weltflucht und Vollendung". Da schalmeite das Heldenthema so deutlich, dass dieser letzte Akt der wilhelminischen Heldentragödie nur die Villa in Garmisch zum Schauplatz haben konnte! Dieser Ausklang in betörender Klangschönheit ging unter die Haut. Jubel, "Bravo"-Rufe im voll besetzten Beethovensaal.  

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