Stark verinnerlicht interpretierte sie zunächst den Liederkreis nach Joseph von Eichendorff op. 39 von Robert Schumann. Eine geheimnisvoll arpeggierte Klavierbegleitung unterstrich beim ersten Lied "In der Fremde" die emotionale Tiefe des Vortrags, wobei nach den Worten "Wie bald" die aufsteigende Quinte im Klavier auftrat und Carolina Ullrichs Gesang sensibel unterstützte. Hoffnung stand im Zentrum des Vortrags, der sich auch mit Todesahnungen verband. Im nächsten Stück "Intermezzo" dominierten die schwebenden Synkopen, die den sphärenhaften Gesang des Soprans suggestiv begleiteten. Im "Waldesgespräch" ragte die Figur des Reiters hervor, dessen Worte mit punktierten Rhythmen subtil unterlegt waren. Die Hexe Loreley meldete sich unheimlich mit harfenartigen Akkorden. Der Mann bevorzugte kurze und konsonantenreiche Worte, während die Hexe lange und dunkle Vokale besaß. Unterdrückte, aber innerlich explodierende Liebe unterstrich Carolina Ullrich dann hervorragend beim nächsten Lied "Waldesgespräch", wo der ausdrucksstarke Gesang bei "Ich wünscht', ich wäre ein Vöglein" seinen Höhepunkt erreichte. Die Traumsituation der "Mondnacht" wurde von Carolina Ullrich ausgezeichnet getroffen. Dominantische Akkorde wie der Nonenakkord herrschten hier vor und wurden exzellent betont. Beim leidenschaftlich vorgetragenen Lied "Schöne Fremde" war Carolina Ullrich zusammen mit dem Pianisten Marcelo Amaral dann ganz in ihrem Element. Am Ende des Liedes strahlte ein leuchtendes H-Dur auf. Die absteigende Quinte bei "Auf einer Burg" fiel ebenfalls sehr markant auf. Das Lied schilderte die unheimliche Situation um einen toten, versteinerten Ritter, wobei Carolina Ullrich den wehmütigen Ausdruck sehr gut traf. Bei "Auf einer Burg" wurde der E-Dur-Akkord von einem a-Moll charakteristisch aufgelöst. Im Lied "Wehmut" klagte eine Nachtigall ihr inneres Leid. Der chromatische Abgang im Klavier-Bass unterstrich das "tiefe Leid". Dynamische Kontraste traten dann im "Zwielicht" in bewegender Weise hervor, die Rhythmik wirkte teilweise wie verschleiert. Und das fröhliche Scherzo des Liedes "Im Walde" besaß bei dieser Interpretation etwas ungemein Erfrischendes, wobei emotionale Tiefpunkte nicht ausgespart wurden. Ekstatisch wirkte dann die "Frühlingsnacht" mit einer mitreissenden Harmonik aus Septakkorden.
Die Lieder bei "Frauenliebe und Leben" op. 42 von Robert Schumann wuchsen in der Darbietung von Carolina Ullrich und Marcelo Amaral ganz zusammen. Einfache und textnahe Melodik sowie differenzierte, empfindsam-lyrische Klavierbegleitung ergänzten sich hier in beglückender Weise. Lieder wie "Seit ich ihn gesehen", "Er der Herrlichste von allen" oder "Süßer Freund" gingen nahtlos ineinander über und wurden mit leidenschaftlicher Emphase und starkem gesanglichem Klangfarbenreichtum vorgetragen. Für die Interpretin stellt sich die schwierige Aufgabe, ein ganzes Leben vom ersten Liebesempfinden bis zum Tod des Gatten in weniger als einer halben Stunde darzustellen. Das Ich und das Du ragte bei dieser einfühlsamen Wiedergabe deutlich hervor.
Zuletzt erklangen "Seis canciones castellanas" des baskisch-spanischen Komponisten Jesus Guridi, die spätromantisch wirkten und dennoch einen ganz eigenen Ausdrucksreichtum besaßen. Die baskische Folklore steht bei Liedern wie "No quiero tus avellanas" oder "Mananita de San Juan" im Mittelpunkt. Außerdem spürt man hier immer wieder den Einfluss Wagners, was Carolina Ullrich überzeugend betonte. Dieser Liederzyklus handelt von der Schwärmerei eines Verliebten, wobei die Angebetete immer wieder als leuchtender Fixpunkt erscheint. Im letzte Stück "Mananita de San Juan" schien ein beglückender Sommermorgen die Natur zu wecken, was die beiden sehr gut aufeinander abgestimmten Interpreten mit großer Sensibilität betonten. As Zugabe war noch das lyrische Lied "Das kleine Haus" von Francisco Braga zu hören. Viele "Bravo"-Rufe!
ALEXANDER WALTHER

