Die Bühne von Harald B. Thor hat ein recht modernes Outfit, ebenso die Kostüme von Andrea Schraad. Richard III. wird ganz werkgetreu hinkend und mit Buckel gezeigt. Im Hintergrund befinden sich riesige Kleiderberge und man blickt in eine geräumige Wohnung des Großbürgertums mit opulentem Kronleuchter. Alles ist irgendwie im Aufbruch und aus den Fugen. Richard, dessen Bruder Edward gerade den Thron bestiegen hat, möchte selbst König von England werden. Dafür ermordet er nicht nur seine Verwandten sondern alle, die sich ihm in den Weg stellen. Als er dann aber die Macht erlangt, bringen ihn seine zahlreichen Feinde zu Fall. Egomanie und Größenwahn beherrschen sein grausames Machtsystem, das ihn jedoch letztendlich selbst auffrisst. Die Faszination des Bösen ist hier ungebrochen und wird auch in dieser Inszenierung auf die Spitze getrieben. Richard erscheint dabei zuletzt als Schreibtischtäter, der in seinem eigenen Blut umkommt, nachdem ihn zuvor seine getöteten Verwandten in einem gespenstischen Geisteraufzug gerichtet haben. Zwischen Nacht und Nebel erscheint dieser unheimliche König auch vor dem Mikrofon, um dem Volk etwas vorzulügen. Richard und sein Rivale Richmond treffen eigentlich zuletzt im direkten Kampf aufeinander, was diese Inszenierung aber verschweigt. Richard III. sitzt am Schreibtisch und stirbt - das Kopftheater hat aber auch einen tieferen Sinn: "Das Feld ist unser und der Bluthund tot".
Die Geister der Ermordeten lauern unheimlich im nebligen Hintergrund - darunter König Edwards minderjährige Söhne. Festzuhalten ist in jedem Fall, dass sich die Qualität der dramaturgischen Spannung nach der Pause steigert. Alles ist schließlich ganz auf den offenbar psychisch kranken König Richard III. zugeschnitten, den Max Simonischek mit großer und differenzierter Ausdruckskraft mimt. Den körperlichen und seelischen Verfall dieses Königs kann er packend darstellen. Das Werk, das sich an den dritten Teil von "Heinrich VI." anschließt, bildet bei Shakespeare den Schluss der sogenannten "Königsdramen", die den Zeitabschnitt der englischen Geschichte von 1399 bis 1483 behandeln. Die Übermenschen in den Marloweschen Dramen bleiben auch in dieser Inszenierung sichtbar. Manchmal wünscht man sich sogar noch mehr Dämonie, die in Richards großem Anfangsmonolog allerdings schon anklingt: "In diese Welt des Atmens, halb kaum fertig gemacht, und zwar so lahm und ungeziemend, dass Hunde bellen, hink ich wo vorbei..."
Pathos und Fülle dieses einzigartigen Dramas blitzen bei Andreas Kriegenburgs Inszenierung aber immer wieder leuchtkräftig auf. Und dies vor allem wegen den starken Frauen, die Richard III. wegen seiner Mordtaten heftige Vorwürfe machen. Da ist die fauchende Josephine Köhler als Königin Elisabeth ("Bald stürzt sich übermüt'ge Tyrannei auf den verwaisten Thron...") sowie die verzweifelte Pauline Großmann als Lady Anne, die ständig ihr Leid klagen. Auch Marietta Meguid als Königin Margareta (Witwe Heinrichs VI.) wettert gegen den "Bluthund". Und Christiane Roßbach als geifernde Herzogin von York stimmt in dieses monströse Klagelied ein. Doch selbst die störrische Elisabeth erliegt Richards Überredungskunst, so dass er der Verzweifelten nachrufen kann: "Nachgiebige Törin, wankelmütig Weib!" Die Heuchelei Richards übersteigt hier alle Vorstellungskraft, was die Inszenierung überzeugend herausarbeitet. Die musikalischen Einlagen unterstreichen das Geschehen spannungsvoll und passend. Gelegentlich hätte die oft gelobte Nähe zur griechischen Tragödie auch noch deutlicher betont werden können.
Klaus Rodewald mimt überzeugend den senilen König Edward IV., der sich an der riesigen gedeckten Tafel buchstäblich zu Tode frisst. In weiteren Rollen fesseln noch Simon Löcker als Herzog von Clarence sowie Kronprinz Edward von Wales, Peer Oscar Musinowski als Graf Rivers und Sir James Tyrrel sowie Felix Jordan als Sir Richard Grey und Lord Stanley, die allesamt dem grausamen Bann Richards III. verfallen. Gabor Biedermann spielt einen undurchsichtigen Lord Buckingham, Marco Massafra schlüpft wandlungsfähig in die Rollen von Lord Hastings, Graf von Richmond sowie Heinrich Tudor. Pauline Großmann und Christiane Roßbach spielen glaubwürdig zudem den ersten und zweiten Mörder. Andreas
Kriegenburg hat zum Stück übrigens noch einen spannungsvollen Monolog der Margareta geschrieben: "Ich bin jetzt eine alte Frau, die Welt kann mir nichts nehmen mehr. War Königin, nicht mehr, war Gattin, er ist tot, war Mutter, er fiel im Krieg..." Der historische Richard war allerdings kein Schurke, sondern ein fähiger Politiker, der als Regent des Nordens von England beim Volk beliebt war. Shakespeare machte aus ihm einen Bösewicht, weil er die Quellen der "Tudor myth" nutzte. Das Regiment der Tudors sollte damit legitimiert werden. Das gespenstisch-schillernde Licht dieses Monarchen zeigt sich bei der Inszenierung vor allem beim relativ starken Schluss. Es gibt zu diesem blutrünstigen Stück übrigens eine witzige Anekdote. Zur Zeit, als der große Schauspieler Richard Burbage Richard III. spielte, verliebte sich eine Bürgerin so sehr in ihn, dass sie nach dem Ende der Aufführung mit ihm verabredete, er solle in der kommenden Nacht unter dem Namen "Richard III." zu ihr kommen. Shakespeare erlauschte diese Vereinbarung und hatte statt Burbage seinen Spaß! Er erwiderte, Wilhelm der Eroberer sei Richard III. zuvorgekommen, als Burbage an der Tür klopfte. Die Übersetzung von Rudolf Schaller lässt viele Details der Übersetzung Schlegels neu aufleuchten.
Viel Jubel und "Bravo"-Rufe für diese besondere Premiere.


