Der Zuschauer erfährt, dass während der ersten Amtszeit von Donald Trump die Zahl der gesundheitsgefährdenden Schwangerschaftsabbrüche um 40 Prozent gestiegen ist. Und Trump, der auf einem großen Bild zu sehen ist, verschärft die "Global Gag Rule" nochmals. Auch von Deutschland finanzierte Projekte müssen diese Regeln beachten, sobald ihre Empfänger US-Fördermittel erhalten. Der Schlager "Moskau, Moskau" leitet dann zum russischen Strafgesetzbuch über. Präsident Wladimir Putin hat ein Gesetz zur Änderung des Art. 116 zur häuslichen Gewalt erlassen. Diese Änderung führt dazu, dass Übergriffe auf "nahe Angehörige" wie Eheleute, leibliche und Adoptiveltern, Kinder, Großeltern, Enkel oder Geschwister, die keine bleibenden Schäden hinterlassen, nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden können. Opfer häuslicher Gewalt bekommen so weder rechtlichen Schutz noch Hilfe durch die Polizei oder vom russischen Staat.
Die Regie von Antje Schupp beleuchtet diese Probleme grell und trotzdem voller Hintersinn. Bühne und Kostüme von Christoph Rufer unterstreichen diese Wahrnehmung. Das gilt auch für die Musik von Arezou Rezaei und die Video-Einblendungen von Max Porstmann. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler können sich hier regelrecht austoben und in ihre differenzierten Rollen hineinsteigern. Das dramaturgische Konzept stimmt in jedem Fall. Aber auch die Aktivisten-Szene wird dabei subtil beleuchtet. Nicht nur in Washington, sondern weltwelt sind Menschen dem Vorbild des "Women's March on Washington" gefolgt und haben gegen Sexismus, Rassismus und für die Rechte von Minderheiten demonstriert. Das wird auf der Bühne manchmal sogar ironisch thematisiert. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sitzen im Publikum und fragen sich, ob sie über "Sex mit der Gesellschaft" reden sollen. Sogar Sex im Kloster wird hier angesprochen.
Es geht immer wieder gebetsmühlenartig um "Mehr Krieg, mehr Kohle"! Da folgt eine szenische Steigerung im Staccato-Tempo. Hinzu kommt, dass der US-Präsident Donald Trump per Dekret mehrere Klimaschutzbestimmungen seines Amtsvorgängers Barack Obama einfach rückgängig macht. Dazwischen erklingen Auszüge aus Johann Sebastian Bachs "Wohltemperiertem Klavier" und Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen". Einen breiten Raum nimmt außerdem die "Operation Sophia & Gesang des Libyschen Küstenwächters" ein. Die EU will 90 Millionen Euro für die effektivere Steuerung von Migrationsströmen in Libyen ausgeben. Flüchtlinge sollen dort künftig in angemessenen Aufnahmeeinrichtungen versorgt werden. Und ein Neandertaler geht plötzlich auf den Philosophen Voltaire los, schlägt ihm eine Keule über den Kopf. Transparente mit der Aufschrift "Stoppt Polizeigewalt!" und "Stoppt die AfD" sind zu sehen.
Manchmal läuft das dramaturgische Konzept fast aus dem Ruder, aber der rote Faden bleibt glücklicherweise immer sichtbar. Erinnert wird an ein Attentat in der schwedischen Stadt Sehwan, wo sich ein Terrorist in die Luft sprengte und 80 Menschen tötete. Trump konstatierte danach einen generellen Anstieg von Straftaten in Schweden. Schließlich erfährt der mit Informationen geradezu bombardierte Zuschauer, dass China die weltweit höchste Zahl von Hinrichtungen aufweist. Es kommt zuletzt zu einer Generalabrechnung mit der Politik durch eine Polizeibeamtin, die gegen den G20-Gipfel in Hamburg protestiert. Im Hintergrund sieht man Angela Merkel auf einem riesigen Foto. Gewaltige Explosionen markieren schließlich den spektakulären Einsatz der Superbombe GBU-43 durch US-Streitkräfte in Afghanistan, wo mindesten 94 IS-Kämpfer getötet wurden. Präsident Donald Trump lobt als mächtigster Mann der Welt ausdrücklich diesen Einsatz. Gleichzeitig wird die Unterdrückung des weißen Mannes angeprangert!
Die Schauspieler Josepha Flemming, Rebecca Herter, Mali Jafari, Clara Lorenz, Johannes Frederik Pisall, Jakob Saltner, Amelie Sarich, Til Schumeier, WenBo Shuai, Lilly Sorgenfrey, Zina Strunz, Mara Suter und Sayaka Tominaga wurden vom Publikum gefeiert und erhielten viele "Bravo"-Rufe. Ein atemlos-rasanter Theaterabend, der aber auch nachdenklich machte. Satire und Dokumentartheater ergänzen sich dabei sinnvoll.


