Die subtile Inszenierung von Katie Mitchell arbeitet Lucia als lebensbejahende Person deutlich heraus, wobei Gewalt hier stets präsent ist, Männer dringen in ihre Räume ein und bedrohen sie. Lucia verliert dabei Stück für Stück ihr eigenes Leben.
Durch einen Wechsel auf dem schottischen Königsthron glaubt sich Lord Enrico Ashton im Besitz seiner Güter bedroht. Nur eine Verbindung seiner Schwester Lucia mit dem einflussreichen Lord Arturo Buklaw scheint hier die Rettung zu sein. Doch Ashton entdeckt entsetzt, dass Lucia in seinen schlimmsten Feind Edgardo von Ravenswood verliebt ist. Sie geloben einander ewige Treue. Edgardos Abwesenheit dient ihm dazu, diesen der Untreue zu bezichtigen. Dadurch vermag er die Schwester zu überreden, in die Heirat mit Arturo Buklaw einzuwilligen. Im Augenblick der Heiratsvorbereitungen kehrt Edgardo jedoch zurück und wendet sich deswegen wütend von Lucia ab. In einem Wahnsinnsanfall tötet Lucia hier in einem Himmelbett ritualartig mit einem riesigen Messer ihren Ehemann Arturo. Elemente des Horrorfilms a la Hitchcock spielen mit! Als Edgardo vom Tod der Geliebten in der Badewanne erfährt, begeht er Selbstmord.
Die opulenten Bilder dieser gelungenen Inszenierung mit dem monumentalen Bühnenbild und den prachtvollen Kostümen von Vicki Mortimer täuschen nicht darüber hinweg, dass hier psychologisch einiges neu gedeutet wird. Die Gewitterszene besitzt beispielsweise etwas Gespenstisches. Die Choreografie von Joseph Alford trägt zu dieser Wahrnehmung bei. Man gewinnt den Eindruck, dass Lucia di Lammermoor zwangsverheiratet, eingesperrt, geschlagen und herumgestoßen wird. Und dies vor allem in seelischer Hinsicht. Ihre Tat ist somit auch eine explosive Schockreaktion. Salvadore Cammaranos Libretto nach Sir Walter Scotts Roman "The Bride of Lammermoor" spielt allerdings im 16. Jahrhundert zur Zeit Maria Stuarts.
Und in dieser Inszenierung wird jedoch der Stil des 19. Jahrhunderts zelebriert. Lucias psychischer Zusammenbruch ähnelt eher Shakespeares Ophelia. In dieser Inszenierung findet auf jeden Fall eine spannungsvolle dramaturgische Verdichtung statt, die sich gegen Ende immer mehr und gewaltiger steigert. Das Staatsorchester Stuttgart musiziert unter der energischen Leitung von Andriy Yurkevych sehr elektrisierend und feurig. Melodischer und kantabler Wohlklang und Zauber kommen hier nicht zu kurz. Chelsea Lehnea als Lucia die Lammermoor erfüllt die schnellen Tonfolgen und kunstvollen Verzierungen ihrer Koloratur-Partie mit bravouröser Souveränität. Bei der verstörenden Traumvision der Wahnsinnsszene im Schlussakt verbinden sich unheimliche Glasharmonikaklänge, obligates Flötenspiel und die "Nachtgallenklagen" der Singstimme zu einem betörenden Klangkosmos. Und trotz mancher Schärfen in der Höhe trifft Chelsea Lehnea ihre Spitzentöne mit traumwandlerischer Sicherheit. Wärme und Ausdruckskraft vermisst man ebenfalls nicht. Im Liebesduett mit Lucia im ersten Akt sowie in seiner letzten Arie "Du, die schon in Himmelshöhen" kann auch Paul Lungu als Edgardo die Zuhörer fesseln.
Ein weiterer Höhepunkt ist das fulminant dargebotene Terzett im zweiten Akt "Wer vermag's, den Zorn zu hemmen". Der Zauber des Belcanto blitzt außerdem bei Björn Bürger als Enrico, Charles Sy als Arturo, Adam Palka als Raimondo, Laura Orueta als Alisa sowie Alberto Robert als Normanno immer wieder leuchtkräftig auf. Da kommt es wiederholt zu einer packenden dramaturgischen Verdichtung auf engem Raum. Man spürt, dass Lucias Wahnsinn hier die völlige Bewusstlosigkeit einer Frau darstellt, die von den Männern zerbrochen wurde. Sie muss töten, um das zu retten, was gerettet werden kann. Der von Bernhard Moncado wieder sorgfältig einstudierte Staatsopernchor Stuttgart agiert insbesondere beim Chor der Hochzeitsgäste sehr eindrucksvoll. Er versucht, Lucia in die tragische Tonart c-Moll zu führen, was trotz raffinierter Kadenzharmonik grandios misslingt. Bei der Wahnsinnsarie triumphiert Chelsea Lehnea als Lucia mit strahlendem Es-Dur. Beim hohen Es setzt sie hier überwältigende Akzente, die das Publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hinreissen!
Und die Solisten gesellen sich nahtlos und klangfarbenreich zum kompakten Block des Chores. Klangvolumen und Pulsschlag beleben leidenschaftlich jeden melodischen Gedanken. Die vokale Akrobatik der "Nachtigallen" ist faszinierend und dämonisch zugleich.
Jubel und Ovationen für das gesamte Ensemble.

