Das Programm mit dem Folkwang Kammerorchester Essen unter der einfühlsamen Leitung von Reinhard Goebel ist mehr als ein Streifzug durch das übliche Barockrepertoire. Präsentiert werden vielmehr Oboenkonzerte aus verschiedenen europäischen Traditionen.
Alessandro Besozzis "Concert Pour Paris" in G-Dur eröffnet hier Alessandro Besozzis "Concert Pour Paris" in G-Dur eröffnet mit filigranen Arabesken und Verzierungen diese außergewöhnliche Reise. Sein Sohn Carlo ist mit seinem Konzert Nr. 6 in B-Dur vertreten. "Er hat alles!" schrieb Leopold Mozart, der sich auch bei Carlo Besozzi über "reinste Intonation" und "springende Passagen" lobend äusserte.
Höhepunkt dieser besonderen Aufnahme ist allerdings das Konzert in C-Dur op. 7 Nr. 3 von Jean-Marie Leclair. Französische und italienische Stilrichtungen werden mit vielen feinen Nuancen und kontrapunktischen Spitzfindigkeiten herausgearbeitet. Leclair notierte akribisch sämtliche Ornamente, um sein Werk vor Verunstaltung zu schützen. Italienische Appogiaturen finden sich hier ebenso wie typisch französische Durchgänge. Im Mittelsatz fällt eine ausgedehnte Kadenz über dem Orgelpunkt E auf. Das Konzert entstand wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Auftritt Antonio Besozzis in Paris. Der Finalsatz ist dann ein im Dreiachteltakt "durchkomponiertes" Menuet varie, der gleichberechtigt neben dem Rondeau stand.
Ähnlichkeiten finden sich in diesem Zusammenhang auch im Finale von Franz Xaver Richters F-Dur-Konzert und im Finale von Carlo Besozzis B-Dur-Konzert. Atmung ist Celine Moinet bei ihrer Interpretation ganz besonders wichtig. Diese "messa di voce" besitzt immer etwas Magisch-Unwiderstehliches. Dadurch werden ihre klanglich verführerischen Kantilenen in besonderer Weise lebendig. Ein besonderes Kleinod sind hier aber auch zwei Konzerte von Franz Xaver Richter, dem mährischen Kapellmeister des Straßburger Doms. Richters Konzert in F-Dur beeindruckt den Hörer mit seinen markant-wuchtigen Ritornellen - und das kammermusikalisch zarte Concerta da Camera in g-Moll öffnet neue akustische Horizonte. Es besitzt allerdings eine deutlich kleinere Orchesterbesetzung, wobei die Violinen in den Ritornellen unisono geführt werden.
Bemerkenswerte musikalische Vielfalt und Qualität sticht bei dieser Aufnahme immer wieder hervor. Celine Moinets stilistisches Gespür fällt stets positiv auf. Die vorliegende CD bringt ans Licht, was Jahrhunderte verborgen blieb. Barocke Traditionen werden mit elektrisierend-pulsierendem Leben erfüllt. Ornamente werden bei Moinets sensibler Interpretation geatmet, dynamische Differenzierungen in suggestiver Weise herausgearbeitet. So kommt es immer wieder zu einer höchst lebendigen und erfrischenden Zwiesprache von Oboe und Orchester, die den Hörer fesselt. Präzision und stilistische Klarheit ergänzen sich hier gegenseitig. Man kann diese CD sehr empfehlen.

