ERKUNDUNGSREISE ZUR ALEMANNISCHEN FASTNACHT -- Donaueschinger Musiktage DONAUESCHINGEN
am 18.10.2026
Die Donaueschinger Musiktage standen in diesem Jahr unter dem vielsagenden Motto "Polyphonie". Das Konzept, Musik aus unterschiedlichen Stimmen, Linien, Elementen und Materialien zusammenzusetzen, bildete dabei den Mittelpunkt. Der Abschlusstag begann mit einem Konzert des Ensembles Resonanz unter der einfühlsamen Leitung von Enno Poppe.
Die Donaueschinger Musiktage standen in diesem Jahr unter dem vielsagenden Motto "Polyphonie". "Dream Machine" für 18 Streicher der irischen Komponistin Ann Cleare untersucht die Entstehung von Intelligenz und deren Fähigkeit zu träumen. Glissando- und Pizzicato-Passagen illustrieren hier das Geschehen, wobei das Streichorchester als Produzent und Empfänger von Wissen fungiert. Die Rollen des Nervensystems wechseln sich spannungsvoll ab. Open-Source-EEG-Daten bestimmen hier die dynamischen rhythmischen Muster, die sich immer wieder abwechseln. Es handelt sich um ein klangliches Porträt des menschlichen Gehirns.
Noch überzeugender ist allerdings "thirst" für 18 Streicher von Rebecca Saunders, die aus London stammt. Glissando- und Martellato-Sequenzen bestimmen in durchaus faszinierender Weise das Klangbild. Musik dringt dabei tatsächlich in die Seele ein. Der Hörer kann sich den Klängen hingeben, kann nachdenken, beobachten und vor allem fühlen. Leidenschaft und Widerstand ergänzen sich passend.
Der Karl-Sczuka-Preis 2026 des SWR geht in diesem Jahr an das Hörspiel "Die fünfte Jahreszeit" von Rupert Enticknap. Der britische Klangkünstler unternimmt hier eine originelle akustische Erkundungsreise zur Alemannischen Fastnacht. Fieldrecordings, vokale Gesten und Klangexperimente mit Kuckucksuhren-Pfeifen werden in einem ungeschnittenen Durchgang auf CDJ Decks live improvisiert und aufgenommen. So entsteht ein experimenteller Echtzeit-Charakter, der den Hörer fesselt. Man hört die Juchzer der Narren und kann sich auch die Hexenmasken gut vorstellen.
Den Karl-Sczuka-Förderpreis 2026 des SWR erhält die Produktion "State of Latitude" von Khrystyna Kirik. Sie widmet sich hier vier ukrainischen Naturräumen. Kirik behandelt die Landschaft nicht im Hintergrund, sondern beschäftigt sich mit den ökologischen und historischen Dimensionen. In diesem Jahr ist zum ersten Mal das Karl-Sczuka-Recherchestipendium in Zusammenarbeit mit dem Carlfriedrich Claus Archiv vergeben worden. Damit sollen neue Radio-, Performance- und Klangkunstprojekte unterstützt werden. Ausgezeichnet wird der in Brüssel lebende rumänische Künstler Cristian Fierbinteanu.
Das Abschlusskonzert in der Baarsporthalle brachte dann eine Begegnung mit dem SWR Symphonieorchester unter der inspirierenden Leitung von Francois-Xavier Roth. "Bestiarium Musicale VI" für Orchester von Noriko Baba als Deutsche Erstaufführung zeigt eine spannende polyphone Begegnung mit dem Schuppentier (Pholidota), der Eule (Noctua), der Knäkente (Querquedula) und dem Zitterrochen (Torpedo). Chromatik, fulminante akustische Ausbrüche und suggestive Glissando-Passagen wechseln sich in origineller Weise ab. Posaunen äffen die Ente nach. Manches könnte allerdings kompositorisch noch differenzierter und subtiler sein. Die zarten, vielschichtigen Flüstertöne der Natur stehen immer wieder im Mittelpunkt.
Beim Stück "we've actually been in this place before" für Orchester von Mauro Lanza als Uraufführung im Auftrag des SWR verschieben sich Schichten rhythmischer Muster und fügen sich neu zusammen. Ein hyperaktiver und unerbittlicher Tanz beginnt, der aufgrund seiner ständigen Wiederholungen aber auch etwas monoton wirkt. Der Titel stammt übrigens aus der Web-Meme-Kultur. Neben Ostinato-Passagen überraschen hier Tremolo-Sequenzen und sehr filigrane Abschnitte.
"Que reste-t-il? - Hindewhu Extinction" für Orchester (2025-2026) des Franzosen Fabien Levy (eine weitere SWR-Uraufführung) variiert die subtile Musik der Mbaka, Bedzan und Aka aus Zentralafrika. Polyrhythmik, Stimmungswechsel als Mittel zur Verwirrung sowie Behandlung von Wiederholung und Verzierung untersuchen die einzigartige Beziehung zwischen Individuum und Gruppe. Tremolo, Staccato, Posaunen, Tempo-Steigerungen, Cluster und Ostinato-Passagen begleiten hier das Pygmäen-Repertoire. Jodeltechnik ergänzt den besonderen Klang der Flöte. Diese Komposition soll ein Kommentar zu unserer krisengeschüttelten Zeit sein. Polyrhythmische Techniken, paradoxe Klangtexturen und akustische Illusionen bereichern die Partitur.
Am meisten überzeugt jedoch die weitere SWR-Uraufführung "into a world that is pure blue (where you are transformed utterly and forever)((Amen))" für Orchester und Elektronik der italienischen Komponistin Clara Iannotta. Neben Tremolo-Sequenzen fesseln hier magische Klangflächen, mystische Harfenklänge und eine harmonische Nebel-Armosphäre, die beim Hörer einen tiefen Eindruck hinterlässt. In diesem Raum gehen die Dinge weiter, ohne sich zu festigen. Es ist eine Versenkung, ein Zustand, in dem sich etwas völlig verändert hat. Dazu gehören auch gewaltige Fortissimo-Steigerungen! Viele "Bravo"-Rufe für diese interessante Uraufführung.
Den Orchesterpreis erhält allerdings der Italiener Mauro Lanza. Mit 97 Prozent Publikumsauslastung kann die künstlerische Leiterin Lydia Rilling auch in diesem Jahr zufrieden sein.
ALEXANDER WALTHER

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