Sie wirkt stellenweise rustikal, es wird sogar der Kinderwagen mit dem Neugeborenen gezeigt. Die Kostüme von Pascale Martin und die Musik von Lukas Huber unterstreichen diesen Ansatz. Im Mittelpunkt stehen der Konfektionsangestellte Pinneberg und seine Frau Lämmchen, deren Liebe und Tapferkeit über alle Not triumphieren. Boris Burgstaller und Gabriele Hintermaier mimen glaubwürdig dieses seltsame Paar, das vergeblich versucht, ein bürgerliches Leben zu führen. Das frisch verheiratete Ehepaar lebt von der Hand in den Mund. Da hört man die berühmte Musik zu "Berliner Luft", wird jedoch auch mit dem Problem der Massenarbeitslosigkeit konfrontiert und nimmt das Damoklesschwert des sozialen Abstiegs wahr.
1932 wurde Hans Falladas Buch "Kleiner Mann - was nun?" zu einem Welterfolg. Berliner Lokalkolorit, Szenen aus dem rauschhaften Nachtleben der frühen 1930er Jahre, sexuelle Freizügigkeit und politische Einordnung der Figuren in Nazis und Kommunisten werden hier grell und fesselnd herausgestellt. Raffinierte Stummfilmszenen und sprachliche Überblendungen auf engem Raum verstärken diesen Eindruck noch. Die Zeitlosigkeit und Aktualität der Sorgen des "kleinen Mannes" werden in dieser sehenswerten Inszenierung deutlich betont: "Morgen muss ich für dreihundert Mark verkaufen, das ist Pinnebergs letzter Gedanke, wenn er Lämmchen den Gutenachtkuss gegeben hat und im Dunkeln liegt...Keep smiling." Zeitenwende, Wertewandel, Verrohung und Populismus treten dabei immer stärker und gnadenloser hervor. Im Nebel erscheinen die beiden Protagonisten mit Federboa und karikieren so das schillernde Berliner Nachtleben der berühmt-berüchtigten 20er und 30er Jahre, die ja tatsächlich manchmal die Welt bedeuteten.
Fallada schildert hier drastisch die damalige Rechtslage bezüglich des Arbeitsrechtes sowie das mit den Notverordnungen immer wieder geänderte Sozialrecht. Die Macht des tristen Alltags bis hin zur Kündigung Pinnebergs wird in bewegender Weise zwischen Grammophon- und Stummfilmästhetik dargestellt. Die beiden Schauspieler Boris Burgstaller und Gabriele Hintermaier sind auch im Leben ein Paar und gehen zum Ende der Spielzeit 2026/27 in den Ruhestand. Die Aufführung erhält also auch dadurch eine ganz besondere Bedeutung. Sie verkörpern nicht nur die jungen Protagonisten, sondern mithilfe offensiver Kostümwechsel auch alle weiteren Figuren aus dem umfangreichen Personal. Zino Wey zeigt dieses unverwechselbare Paar gezeichnet durch die Widrigkeiten der Zeit und durch jene, die von ihr profitieren. Der sadistische Chef und die tyrannische Mutter erscheinen immer wieder schemenhaft. Lämmchen meint: "Manchmal möchte man platzen vor Wut, wie das alles eingerichtet ist in der Welt!" Und Pinneberg stellt resigniert fest: "Oh, Lämmchen, was haben sie mit uns gemacht...heruntergestoßen haben sie mich vom Bürgersteig...weggejagt haben sie mich." Und Lämmchen erwidert beruhigend: "Du bist doch bei mir, wir sind doch beisammen. Wir beide!"
Zuvor endet eine Fahrt nach Berlin in einem Fiasko. Pinneberg wird auch noch durch einen Berliner Schutzpolizisten gedemütigt, der ihn als "Gesindel" von den Schaufenstern der Kaufhäuser in der Friedrichstraße verjagt hat. Auch die Abholung der Arbeitslosenunterstützung endet in einem Fiasko. Und Pinneberg wurde zuvor als aufdringlicher "Verkäufer" in dem dubiosen Konfektionsgeschäft gekündigt. Wie es den beiden aber dennoch gelingt, ihre Liebe nicht zu verlieren, das machen Boris Burgstaller und Gabriele Hintermaier in berührender Weise deutlich.


