Er selbst bezeichnete sein Werk als "American Opera". Es zeigt einen bewegenden Ausschnitt aus dem Leben einfacher Mietshausbewohner in New York. Deren Wünsche, Probleme und Hoffnungen werden thematisiert. Auf dem dramatischen Höhepunkt der Handlung wird der Milchhändler Sankey (suggestiv verkörpert von Paul Gibson) von Mr. Maurrant erschossen! Zwischen 1958 und 1990 fand keine Aufführung dieses Werkes in Deutschland mehr statt. Der ständige Vergleich mit Weills Erfolgsstück "Dreigroschenoper" dürfte hierfür einer der Gründe sein. Erst mit dem Musical-Boom der 1990er Jahre kam es wieder verstärkt zu Aufführungen in Deutschland. Mittlerweile gilt die Oper als musikalische Rarität und "ein zu Unrecht vernachlässigtes Werk".
Der "richtige" Weill wird von manchen nur in "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" und der "Dreigroschenoper" gesehen. Wirtschaftskrise, Migrationsbewegungen und Kapitalisierung werden in jüngeren Inszenierungen dieses Stückes immer wieder ansgesprochen. Dabei spielt auch der Antisemitismus eine Rolle, dem Weill ebenfalls ausgesetzt war. Unter der einfühlsamen Leitung von James Holmes musiziert hier Orchestra and Chorus of Opera North, wobei der Charakter der Nummernoper subtil hervorsticht.
Operntermini wie Aria und Arietta sind herauszuhören. Tanzmusik, Opernarie, Jazzrhythmen sowie lyrisches Espressivo finden sich dabei ebenso wie das Schullied "Wrapped in a Ribbon". Die Operndialoge von Rice wurden größtenteils unberührt gelassen. Die Übergänge zwischen Singen und Sprechen sind fließend. Der rezitativische Dialog verschmilzt mit der jeweiligen Nummer. Es fällt eine ungewöhnliche Kombination unterschiedlicher musikalischer Stilrichtungen auf. Ein gutes Beispiel für die raffinierte Mischung von Arie und Musicalsongs ist "Somehow I could never believe". Da zeigt sich sogar der Stil von Giacomo Puccini. Das wird bei dieser Einspielung aber nicht übertrieben. Das parodistische "Icecream-Sextett" besitzt den Stil der Belcantooper. Bei "Moon-faced, Starry-eyed" zeigen die Charaktere Dick McGann und Mae Jones eine jazzige Jitterbug-Tanzeinlage. Und in der interessanten Nummer "I Got Marble And A Star" des farbigen Hausmeisters Henry Davis machen sich Spirituals-Einflüsse bemerkbar.
Bei den Sängerinnen und Sängern ragt vor allem die Maurrant family heraus. Giselle Allen als Anna Maurrant, Robert Hayward als Frank Maurrant, Gillene Butterfield als Rose Maurrant und Louis Parker als Willie Maurrant bilden ein stimmungsvolles und homogenes Quartett, das vom Orchester einfühlsam begleitet wird. Die Kaplan family mit Dean Robinson, Alex Banfield, Amy Freston, die Jones family mit Claire Pascoe, Richard Mosley-Evans, Michelle Andrews, Christopher Nairne, die Florentino family mit Miranda Bevin und Christopher Turner, die Olson family mit Amy J Payne und John Savournin sowie die Hildebrand family mit Victoria Sharp, Laura Kelly, Oliver Wright und Hazel Read liefern allesamt interessante Charakterporträts.
Man kann diese Aufnahme sehr empfehlen.


