Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Landestheater Linz: DON PASQUALE von Gaetano DonizettiLandestheater Linz: DON PASQUALE von Gaetano DonizettiLandestheater Linz: DON...

Landestheater Linz: DON PASQUALE von Gaetano Donizetti

Premiere 8. Dezember um 19.30 Uhr im Großen Haus, Promenade. -----

Die bösartige Abrechnung mit den „Jungen“, die der belgische Romancier und Essayist Robert Poulet (1893 - 1989) in seinem aphoristischen Pamphlet „Wider die Jugend“ mit beißendem Spott vornahm, ist nicht frei von Neid: Dass diejenigen, die NOCH NICHTS geleistet haben, allein kraft der Biologie (!) das „Versprechen auf Lust und L(i)eben“ weit potenter einlösen können als die sogenannten „Best Agers“, ist eine der strukturellen Ungerechtigkeiten, der sich jeder Mann ab 45 stellen muss …

Trotzdem scheint der „Best Ager“ dem „Jungspund“ überlegen, zumindest dann, wenn man Gaetano Donizettis 1843 in Paris uraufgeführtes „dramma buffo“ Don Pasquale als Quelle in dem „machismo“-lastigen Generationenkonflikt heranzieht. Beginnt der Dreiakter doch damit, dass der vermögende alte Onkel (Don Pasquale) seinen mittellosen jungen Neffen (Ernesto) aus dem Hause wirft, weil dieser von seinen romantischen Heiratsplänen mit einer schönen, aber armen Witwe (Norina) partout nicht ablassen will … Dass diese Liaison erst durch das Ableben des „Best Agers“ finanziell sanktioniert würde, fordert geradezu eine erzieherische Maßnahme heraus: „arm, aber sexy“ ist out, „reich und sexy“ ist in: Nicht die Jugend wird sich fortpflanzen, sondern der betuchte, aber keineswegs erschlaffte Onkel …

 

Wenn Don Pasquale dafür nur die richtige Frau (an seiner Seite) fände, was bei der angemessenen Bezahlung des mit der Brautbeschaffung beauftragten „Dealers“ (Doktor Malatesta) doch wirklich kein Problem sein sollte … Nur zu dumm, dass das Geld einem „Doppelagenten“ zukommt, denn Malatesta

(nomen est omen!) jubelt Don Pasquale seine eigene Schwester nur deshalb als „zitterndzagendes

Klosterfräulein“ unter, damit sie nach dem fingierten (!) Treueschwur dem Alten die Ehe-Hölle so richtig einheizt. Das Ziel der Intrige: dass der „Best Ager“ das „Schmusen und Stöhnen“ den dafür lebenszeitlich schlichtweg besser ausgestatteten „Youngsters“ neidlos überlässt …

 

In den Zeiten von „Viagra“ und der „Krise“ (!) ist die Brisanz dieses sexuellen Generationenkonflikts aber nur noch eingeschränkt nachvollziehbar. Was Ernesto von Pasquale unterscheidet, ist weniger die Manneskraft, als der soziale Status. Der „Best Ager“ konnte sein goldiges Imperium nur im Rahmen eines zwar immer schon ausbeuterischen, aber darin noch intakten Finanzsystems horten, der Neffe gehört zu der verlorenen Generation südeuropäischer „Rettungsschirm-Staaten“, für die eine Existenz ohne „Stütze“ (sei sie staatlich oder privat) eine unerreichbare Utopie zu sein scheint. Verteilungsgerechtigkeit ist das Stichwort, um den Konflikt zwischen Don Pasquale und Ernesto auf den Punkt zu bringen, und Norina, Ernesto und Malatesta sind Teil jener Bewegung, die den 99% der Besitzlosen zum Sieg verhelfen will über das 1% der Geldsäcke. Wenn Norina als Don Pasquales Ehefrau dessen Vermögen verschleudert, ist dies somit kein Akt weiblicher Verschwendungssucht, sondern vielmehr die klassisch gewollte Umverteilung „von oben nach unten“ …

 

Dass Donizetti dabei über Brecht obsiegt, gewährleistet die Musik. Belcantistisch vereint sie Ausbeuter und Ausgebeutete, Junge und Alte und zelebriert im Strudel der Koloraturen ein lebenskluges „Happy End“, das abseits aller Börsenkurse nur Gewinner kennt. Don Pasquale gewinnt an Einsicht, Ernesto und Norina gewinnen zwei Ringe und Doktor Malatesta den „Oscar“ für das beste Drehbuch bzw. für die gelungenste Dramaturgie: „Weiße Haare soll’n nicht freien mit der Jugend Lockenkranz, sonst gibt’s böse Balgereien und mit allen Teufeln Tanz!“ – Was durchaus als gelungene Retourkutsche für Robert Poulets „Jugendschelte“ gelten darf …

 

Dramma buffo in drei Akten

Text von Giovanni Ruffini und Gaetano Donizetti,

nach dem Libretto von Angelo Anelli zu dem Dramma giocoso Ser Marcantonio von Stefano Pavesi

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

 

Musikalische Leitung Nicholas Milton, Daniel Linton-France

Inszenierung Andreas Baesler

Bühne Hermann Feuchter

Kostüme Caroline Dohmen

Chorleitung Georg Leopold

Dramaturgie Wolfgang Haendeler

 

Besetzung

Don Pasquale, ein alter Junggeselle Dominik Nekel

Franz Binder

Damon Nestor Ploumis

Doktor Malatesta, Arzt, sein Freund Seho Chang

Martin Achrainer

Ernesto, sein Neffe Iurie Ciobanu

Sven Hjörleifsson

Jacques le Roux

Norina, eine junge Witwe Elisabeth Breuer

Gotho Griesmeier

Myung Joo Lee

Ein Notar Nikolai Galkin

Johann Gruber

 

Chor des Landestheaters Linz

Statisterie des Landestheaters Linz

Bruckner Orchester Linz

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 20 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

KOMPAKTES KLANGBILD -- Neue CD: Anton Bruckners Sinfonie Nr. 1 in c-Moll bei Capriccio

Die genetische Themenaufstellung sticht schon bei Anton Bruckners erster Sinfonie in c-Moll deutlich hervor, die hier mit dem Bruckner Orchester Linz unter der kompetenten Leitung von Markus Poschner…

Von: ALEXANDER WALTHER

STARKE BILDER AM WELTENDE -- Richard Wagners "Götterdämmerung" als Live-Stream aus der Oper ZÜRICH

In der Inszenierung von Andreas Homoki spielt ein gold-weiß gehaltenes, klassizistisches Ambiente eine große Rolle (Ausstattung: Christian Schmidt). Der Zuschauer befindet sich in einer…

Von: ALEXANDER WALTHER

FEUER UND GRANDEZZA -- Wiener Philharmoniker in der Waldbühne Berlin via 3sat

Es war eine besondere Premiere - zum ersten Mal musizierten die Wiener Philharmoniker unter der präzisen Leitung von Riccardo Muti in der Waldbühne Berlin. Gleich bei der Ouvertüre zu Giuseppe Verdis…

Von: ALEXANDER WALTHER

ZWISCHEN REVOLUTION UND AUFKLÄRUNG - Wolfgang Amadeus Mozarts "Zauberflöte" (Libretto: Emanuel Schikaneder) mit dem Pfalztheater Kaiserslautern im Theater Heilbronn

Kinder spielen in dieser ungewöhnlichen Inszenierung von Pamela Recinella (Bühne und Kostüme: Jason Southgate) eine große Rolle. Gleich bei der Ouvertüre spielen Pamina als Mädchen und Tamino als…

Von: ALEXANDER WALTHER

IMPRESSIONEN AUS DER SCHWEIZ -- "Monte Rosa" von Teresa Dopler im Studiotheater STUTTGART

Es ist eine Geschichte aus dem Schweizer Alpenmassiv, ein Stimmungsmoment zwischen Gesteinsschichten und Gletscherspalten: "Das ganze Matterhorn hat sich im See gespiegelt." In der Regie von Daniela…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑